Intuition, Teil 3

Wiederum ein Beitrag zu dem Projekt ”Schreib mit mir” von Frau OFFENSCHREIBEN

Es dauerte mehrere Wochen, bis Gwiazda langsam anfing, sich mit den Umständen abzufinden. Erst der merkwürdige Auftritt der Lederbekleideten im Restaurant; dann der junge Mann, der fluchtartig das Restaurant verlassen hatte und den sie später halbtot auf dem Gehsteig gefunden hatte; der Komplott hinterher, der seine gesamte Existenz ableugnete. Das war eine ganze Menge, die sie verarbeiten musste. Aber letztendlich kam sie zu dem Schluss, dass sie mit der Angelegenheit nichts mehr zu tun haben wollte, wirklich ganz und gar nichts.

Sie hatte sich auch eine Zeit lang von ihrer Arbeit als Krankenschwester beurlauben lassen. Doch jetzt wollte sie ihr Leben gerne wieder normalisieren.

Der erste Arbeitstag lief friedlich ab. Die Kolleginnen und Kollegen waren alle sehr rücksichtsvoll. Irgendwie hatte ihre Geschichte sich herumgesprochen. Gwiazda wollte aber nicht wissen, was genau erzählt wurde. Es würde sowieso nicht stimmen.

Am Abend ging sie zufrieden nach Hause. Sie würde die Fäden ihres Lebens wieder aufnehmen und alles würde sich ordnen.

Als sie in die Strasse einbog, in der sie wohnte, stand auf einmal ein alter Mann vor ihr. Er sah alt aus, enorm alt, mit unzähligen Falten im Gesicht. Auf dem Kopf trug er eine altmodische Zipfelmütze, die im Gegensatz zu seinem strengen Gesicht und den scharf, ja fast stechend blickenden Augen stand. Sein Mantel war mehr ein Umhang. Was er darunter trug, war nicht zu sehen. Gwiazda fand, dass er der Beschreibung des alten Busfahrers aus der Halluzination ihrer Freundin Sofia nach deren Unfall ähnelte. Genauso hätte sie ihn sich vorgestellt.

”Du verschwendest deine Zeit, Mädchen”, fuhr der Alte sie an. ”Geh nach Hause und finde das Buch, dein Lieblingsbuch, das du sogar mit ins Bett nahmst. Erinnerst du dich denn nicht daran? Öffne es, damit sein Zauber sich dir zeigen kann. Tu es solange du noch kannst!” Nach diesen Worten eilte der alte Mann um die Ecke und verschwand in der Dunkelheit.

Gwiazda erinnerte sich natürlich an das Buch. Es war ein Märchenbuch: Sternchen und der Wanderer. Der Wanderer? Wie hatte sie das nur vergessen können! Die Neugier packte sie, vergessen waren Frustration und Angst. Sie eilte in ihre Wohnung und kramte das Buch hervor. Es lag in der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks, wo sie es unter einer Decke versteckt hatte. Warum eigentlich? Sie wusste es nicht mehr. Vielleicht hing es mit dem Tod ihrer Eltern zusammen, die ihr als Kind daraus vorgelesen hatten.

Unter der Decke lag auch ihr alter Wecker mit einer Abbildung des Sternenbilds Orion auf der Scheibe. Beide Gegenstände waren eng mit ihrer glücklichen Kindheit verknüpft, die ein jähes Ende fand, als erst ihre Mutter und später ihr Vater verunglückten; ihre Mutter wurde auf dem Weg nach Hause überfahren und ihr Vater wurde am Arbeitsplatz von einer Palette mit Gasbetonsteinen erschlagen, die sich auf mystische Weise aus den sie haltenden Ketten gelöst hatte, als der Kran sie anhob, um sie in das dritte Obergeschoss des entstehenden Verwaltungsgebäudes zu heben. Ihr Vater hatte die Aufsicht über die Baustelle geführt.

Gwiazda öffnete das Buch. – Nichts tat sich. Sie wartete ein wenig. Plötzlich stieg eine Art Nebel aus dem Buch auf und formte ein Hologramm, das Bild eines Mannes in wehendem Mantel und schwarzem Hut.

Das Hologramm begann zu sprechen. ”Du, der dieses Buch geöffnet hast, bist der letzte Nachkomme der Wanderer. Die Gruppe der Wanderer bildet das Gewissen der Welt. Einstmals waren wir Tausende, jetzt gibt es nur noch fünf. Dein Grossvater ist einer von uns. Dein Vater hat sich geweigert, die Aufgabe zu übernehmen. Er wollte lieber ein normales Leben führen. Es hat ihm nichts genützt. Die Wanderer werden von den Dienern Mammons gejagt, der sich die Menschheit untertan machen will. Sie sind überall! Sie sind gnadenlos! Du musst die Aufgabe weiterführen, du bist das letzte Glied, die letzte Hoffnung!”

”Aber ich bin eine Frau”, warf Gwiazda ein, ”wie kann ich ein Wanderer sein?”

Das Hologramm antwortete nicht, denn es handelte sich hier um eine Aufzeichnung. Gwiazda fragte sich, wann die wohl gemacht worden war, denn früher war sie nicht im Buch gewesen, da war sie sich völlig sicher. Vielleicht hatte ihr Grossvater sie hergestellt nach dem Tod ihrer Eltern? Warum konnte sie sich überhaupt nicht an ihren Grossvater erinnern?

Das Hologramm hatte ihr weder gesagt, was sie tun könnte noch wie sie es tun könnte. Sehr hilfreich war das alles nicht. Jetzt war sie wieder aus ihrem Alltag gerissen, den sie doch so gerne wiederherstellen wollte und hatte noch nicht einmal Anweisungen oder Ratschläge für die von ihr anscheinend erwartete Rettung der Menschheit erhalten. Ob es wohl Pflicht für einen Wanderer war, in der seltsamen Kleidung herumzulaufen? Und welche Rolle spielte ihr ehemaliger Nachbar und angeblicher Freund Holger eigentlich? Diente er Mammon? Der junge Mann, den sie auf der Strasse gefunden hatte, war ein Sympathisant des Wanderers, denn er hatte ihn warnen wollen. Hatte Holger wohlmöglich etwas mit dem Anschlag auf den jungen Mann zutun? Das wäre schrecklich, unvorstellbar! Aber es war sehr merkwürdig, dass Holger am Abend so spät gerade dort war. Und dann war er sang- und klanglos verschwunden. Oder war auch ihm etwas zugestossen und sie verdächtigte ihn ungerechtfertigt?

Sie würde alle diese Fragen nicht am selben Abend beantwortet bekommen, so viel war sicher! Als Erstes würde sie jetzt das Buch noch einmal durchlesen. Vielleicht waren Hinweise darin versteckt. Ansonsten konnte sie nur hoffen, dass sie dem alten Mann noch einmal begenen würde. Das nächste Mal würde sie ihm gezielte Fragen stellen.

Intuition, 2. Teil

Hier kommt wieder ein Beitrag zu dem Projekt „Schreib mit mir“, dieses Mal zu Teil 35 von Frau OFFENSCHREIBEN

Eine Woche nach dem seltsamen Vorfall im Restaurant, war Gwiazda abends nach der Arbeit in strömendem Regen auf dem Weg nach Hause, als sie auf dem menschenverlassenen Gehsteig einen jungen Mann liegen sah. Er wirkte völlig durchnässt, so als ob er dort bereits länger gelegen hatte. Gwiazda eilte zu ihm hin und kniete sich neben ihn. Erst jetzt bemerkte sie, dass er gar keine Schuhe trug. Die Arme waren zu beiden Seiten ausgestreckt, wie bei einem Gekreuzigten. Gwiazda versuchte den Puls des jungen Mannes zu finden, erst am Handgelenk, dann an der Halsschlagader. Da war was, aber sehr schwach.

Hier konnte er nicht liegen bleiben, dachte Gwiazda, ich muss einen Krankenwagen rufen. Während sie die Notrufnummer wählte, schlug der junge Mann die Augen auf und sah Gwiazda an. Sein Blick war klar, nicht verwirrt. Das war doch der junge Mann, der seine Verlobte oder Freundin oder was es war so plötzlich im Stich gelassen hatte, als er den Zettel auf dem Boden liegen sah, den Zettel, auf dem gestanden hatte ”Verschwinde so lange du noch kannst”. Mit klarer Stimme sagte der junge Mann: ”Sie müssen den Wanderer warnen, sie sind ihm auf den Fersen!” Gwiazda war wie gelähmt vor Schreck. Wieder dieser Hinweis auf den Wanderer oder den einsamen Wanderer, wie die merkwürdigen Männer ihn genannt hatten. ”Wer ist der Wanderer? Wer ist ihm auf den Fersen?” fragte Gwiazda verzweifelt. Sie verstand überhaupt nichts.

Doch der klare Moment des jungen Mannes war vorbei und sein Kopf fiel zur Seite. ”Hallo, Sternchen” rief jemand, ”was machst du denn hier?” Es war ihr Freund und Nachbar Holger. Gwiazda war froh, ihn zu sehen. ”Holger, gib mir deinen Schirm und ruf dann die Alarmzentrale an, dieser junge Mann ist verletzt, aber ich weiss nicht was ihm fehlt. Er muss dringend in ein Krankenhaus!” rief sie Holger zu. Der fragte nicht viel, gab ihr seinen Regenschirm und rief die Alarmzentrale an.

”Sie sind in 5 Minuten hier”, sagte Holger. ”Hier, nimm meinen Pullover und decke ihn damit zu, er muss ja völlig unterkühlt sein.” Der Krankenwagen kam wie versprochen und nahm den jungen Mann mit. Gwiazda und Holger fuhren mit ihm, sie fühlten, dass sie ihn jetzt nicht im Stich lassen konnten. Keiner der beiden hatte den Mann bemerkt, der gegenüber in einem dunklen Hauseingang stand und sie beobachtete. Ein hochgewachsener Mann mit schwarzem Hut und einem langen schwarzen Mantel.

In der Notaufnahme wurde der Verletzte sofort in einen Behandlungsraum gerollt und seine beiden Begleiter mussten in der Zwischenzeit einem Polizisten erzählen was passiert war. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Nach ungefähr drei Stunden kam ein Arzt zu ihnen und berichtete, dass der junge Mann hart angeschlagen war, jetzt aber stabilisiert wäre. Er wollte ihnen nichts über die Verletzungen sagen, die er gefunden hatte, denn das wäre eine Sache für die Polizei. Er fragte allerdings, ob sie bemerkt hätten, dass die Hose des jungen Mannes mit Benzin getränkt war?  ”Jetzt wo sie es sagen”, antwortete Gwiazda, ”da war ein recht penetranter Benzingeruch, aber ich war so auf den Verletzten fokussiert, dass ich da nicht weiter drüber nachgedacht habe. Glauben Sie, dass man ihn umbringen, ihn in Brand setzen wollte?” Der Arzt zuckte mit den Schultern, ”das muss die Polizei herausfinden.”

Gwiazda hätte den jungen Mann gerne gesehen und ihm ein paar Fragen gestellt, aber das war im Moment, in seinem Zustand, nicht möglich. Sie musste sich ein paar Tage gedulden. Daher beschlossen sie und Holger, endlich nach Hause zu gehen und auf dem Weg noch einen Stärkungstrunk zu sich zu nehmen, denn so einen hatten sie wirklich nötig! Aus dem einen wurden drei und Gwiazda bedankte sich bei Holger, dass er ihr beigestanden hatte. ”So ein Glück, dass du gerade vorbeikamst! Normalerweise bist du um die Zeit doch schon zuhause!” sagte Gwiazda. ”Ja, ein glücklicher Zufall”, meinte Holger, der ziemlich einsilbig war. Das war so gar nicht seine Art, dachte Gwiazda, aber vielleicht war er einfach nur müde.

Als Gwiazda drei Tage später in das Krankenhaus ging, um den jungen Mann zu besuchen, war er nicht da, und das gesamte Personal, einschliesslich des behandelnden Arztes, bestritt, dass er jemals eingeliefert worden war. Das war zu merkwürdig! Sie logen alle, denn im Gang auf einem Stuhl lag Holgers Pullover …

Auch ein Besuch bei der Polizei brachte keine Klärung. Der Beamte, der sie und Holger befragt hatte, stritt ab, sie jemals gesehen zu haben. Was passierte hier? Sie war doch nicht verrückt. Es musste sich hier um einen Komplott handeln, ein Staatsgeheimnis oder so etwas.

Als sie abends nach Hause kam, stellte sie fest, dass Holger ausgezogen war ohne eine Nachricht für sie zu hinterlassen. Als sie versuchte ihn anzurufen, hörte sie die Nachricht ”dieser Anschluss existiert nicht mehr”.

Gwiazda setzte sich auf ihr Sofa, ohne ihren regennassen Mantel auszuziehen (ja, es regnete immer noch) und blieb still und wie verloren und im Dunkeln dort sitzen.

Astra

Zu ”Schreib mit mir 31” von Frau Offenschreiben

Hier meine Geschichte;

Astra lebte seit vielen Jahren allein in einer gemütlichen kleinen Holzhütte im nahegelegenen Wald. Obwohl die meisten Leute des Dorfes, der Kreisstadt, der Hauptstadt, ja, des ganzen Reiches Silvania ihre Dienste in Anspruch nahmen, war ihnen ihre Magie oder was sie dafür hielten suspekt. Astras Entscheidung für sich allein zu leben, wurde daher allgemein begrüsst.

Auch äusserlich setzte Astra sich von den anderen Menschen ab. Sie war stets in ein rotes Kleid gehüllt mit einem vielfarbigen, breiten Schal um die Schultern. Da sie sich viel im Wald aufhielt, um Kräuter und andere Pflanzenteile zu sammeln, war dieser Farbenreichtum vorteilhaft, gab es doch den einen oder anderen kurzsichtigen Jäger in der Umgebung. Astra konnte man jedenfalls nicht mit einem Tier verwechseln.

Astra bereitete Tränke verschiedener Art zu, die allerdings keine wirklichen Zaubertränke waren, sondern deren Wirkung einfach nur auf den natürlichen Kräften von Pflanzen basierte. Einer ihrer beliebtesten war ein Liebestrank, kein Potenzverstärker, sondern einer, der die Person des Herzens dazu bringen konnte, einem zugetan zu sein. Der absolute Liebling war jedoch der Trank, der die negativen Gedanken und Sorgen in den Menschen auslöschte. Wer sollte das auch nicht wollen?

Auch geschäftlich war dieser Trank ein Gewinner, denn der sorgenfreie, positive Zustand hielt nicht lange an. Die Menschen erschufen ständig neue negative Gedanken und Ängste in ihren Köpfen, daher war jeder, der einmal Kunde wurde, ein Kunde für’s Leben.

Sehr wichtige Ingredienzen für den Sorgenfreitrank waren Lavendel, Mistel und Euphoria. Mehr verriet sie niemandem.

Eines Abends, als Astra in ihrem Kessel rührte, der an einer Kette über der Feuerstelle hing, klopfte jemand an den Türrahmen der offenen Tür, um auf sich aufmerksam zu machen.
”Frau Astra, ich brauche dringend Euren Trank, der die Sorgen und negativen Gedanken fortnimmt. Ich kann die Last nicht mehr ertragen”! sagte eine Frauenstime.
”Kommt doch herein und setzt Euch”, erwiderte Astra, ”dann können wir darüber reden.”

Es handelte sich bei dem späten Gast um eine ältere Frau, die unter einem unscheinbaren Umhang sehr elegante Kleidung trug.
”Bitte fragt mich nicht, wer ich bin, ich darf es Euch nicht sagen, Frau Astra! Aber ich brauche den Trank, an Vergütung soll es nicht fehlen!”

Das gefiel Astra überhaupt nicht. Sie wusste gerne, wem sie ihren Trank gab und hörte auch gerne etwas über die Gedanken, die die Leute loswerden wollten. Aber sie konnte der Frau nicht ihre Hilfe verweigern und gab ihr wohl oder übel eine Flasche von dem Sorgenfreitran

”Einen Schluck, morgens, mittags und abends”, sagte sie zu der Frau, ”nicht mehr und nicht weniger, dann werden ihre Sorgen und negativen Gedanken verschwinden”. Dankbar nahm die Frau die Flasche entgegen und ging eilends von dannen. Astra blieb mit einem merkwürdigen Gefühl im Magen zurück.

Nach einigen Wochen erreichte Astra die Nachricht, dass der König zu einer Reichstrauer aufgefordert hatte. Es war zwar niemand gestorben, aber ein Unglück war es dennoch: Seine Frau schien geisteskrank geworden zu sein. Sie war wie eine lebende Tote, ohne Gefühlsregungen, ohne Sprache, ohne Anteilnahme. Niemand konnte sich erklären, was geschehen war.

Astra war neugierig, legte ausnahmsweise ein unauffälliges braunes Kleid und einen grauen Umhang an, da sie unerkannt bleiben wollte, und machte sich auf den Weg in die Reichshauptstadt. Sie wollte die Frau sehen, denn vielleicht konnte sie ihr helfen. Wie gross war ihr Schrecken jedoch, als sie nach einer langen, beschwerlichen Reise feststellen musste, dass die Frau des Königs dieselbe war, die damals am Abend zu ihr gekommen war und um den Sorgenfreitrank gebeten hatte. Zum Glück erkannte sie Astra nicht, denn diese fühlte sich schuldig an dem Zustand der Frau, ohne zu wissen warum. Was war geschehen? Worin lag der Fehler? Traurig reiste Astra wieder heim und hörte auf, den Sorgenfreitrank zu brauen, sehr zum Entsetzen ihrer Mitmenschen. Auf die Frage warum, antwortete sie, dass sie eine Ingredienz im Wald nicht mehr finden konnte und ohne diese konnte sie es nicht verantworten, den Trank herzustellen.

Aber was war passiert? Die Frau des Königs hatte anscheinend einen Punkt erreicht, an dem sie ausschliesslich negative Gedanken und Sorgen hatte, so dass sie nach dem Einnehmen des Tranks völlig leer war. Es gab keinen einzigen positiven Gedanken mehr in ihrem Kopf, der als Grundlage zur Schaffung neuer Gedanken dienen konnte.

Welche Lehre könnte man daraus ziehen? Die innere Stimme nicht zu ignorieren und der Negativität nicht zu viel Raum zu geben?

Ein Seltsames Paar, (Schreib mit mir Teil 28)

Eine Initiative von Frau Offenschreiben

Ein seltsames Paar
Seit einem halben Jahr teilen Karsten und Stig sich eine kleine Dreizimmerwohnung in Hamburg, in der Langen Reihe hinter dem Hauptbahnhof. Nicht die beste Gegend, aber billig. Eigentlich ist es Karstens Wohnung, denn sein Name steht auf dem Mietvertrag. Aber er hatte vor sechs Monaten per Annonce einen Mitbewohner gesucht, um Geld zu sparen, denn er ist Student, Student der Theologie. Er will Pastor werden und Gottes Wort unter die Menschen bringen. Er ist zwar nicht der einzige Theologe, aber er hält sich für besonders berufen, denn Gott hat zu ihm gesprochen und ihm den Auftrag gegeben, die Menschheit eines Besseren zu belehren.

Mit Stig, einem schwedischen Geschäftsreisenden jüngeren Alters, hat Karsten einen guten Griff getan, wie er meint. Sie sehen sich nur zum Frühstück, trinken Kaffee zusammen, teilen die Morgenzeitung, und dann geht jeder seines Weges. Stig ist öfter auf mehrtägigen Geschäftsreisen, dann hat Karsten die Wohnung für sich allein und kann seine zukünftigen Predigten laut üben. Der Tonfall ist wichtig, eindringlich, mahnend, aber nicht von oben herab, mehr in der Art von ”wir sind ja alle Sünder, keiner von uns ist würdig”. Das kommt besser an, meint Karsten.

Stig weiss nichts von den grossartigen Plänen, die Karsten für die Menschheit hegt. Ihre Gespräche am Frühstückstisch sind sparsam, man hebt die Kaffeetasse und schaut sich über die Zeitung hinweg an, das war’s dann auch schon.

Es könnte alles eitel Sonnenschein sein, wenn nicht die aufdringliche Nachbarin wäre, eine junge und äusserst hübsche Frau, die in Karstens Augen zu viel Interesse an den beiden jungen Männern an den Tag legt, fast schon schamlos. Jedes Mal wenn sie einen der beiden trifft, fragt sie ob Karsten und Stig schwul wären, ein Paar gewissermassen. Stig guckt sie nur kühl an und ignoriert sie, aber Karsten findet dieses Benehmen empörend und protestiert vehement. Damit erreicht er allerdings nur, dass die freche Person ihn dann auffordert ihr zu beweisen, dass er heterosexuell ist. Hemmungsloses Weibsstück!
Das hemmungslose Weibsstück heisst Alexandra, ist gross und schlank und mit einer prachtvollen Mähne schwarzen, gelockten Haares gesegnet. Dazu gesellen sich ein heller Teint und dunkelblaue Augen und fertig ist die perfekte keltische Schönheit. Es ärgert sie masslos, dass keiner der beiden jungen Männer anbeisst. Beide sind auf ihre Weise gutaussehend. Karsten hat etwas von einem Dichter. Er sieht aus, als ob er nie richtig hier und jetzt anwesend ist, sondern immer auf irgendeiner Wolke schwebt. Ausser wenn er sie ausschimpft natürlich. Er hat zarte Gesichtszüge und braunes gewelltes Haar und ist vielleicht ein ganz klein wenig zu dünn.
Stig, der Kühle, ist mehr der männliche Typ, vielleicht vergleichbar mit Jean-Claude Vandamme. Aber er ist völlig unnahbar. Alexandra hat keinen von ihnen je mit einer Frau zusammen gesehen, daher auch der Verdacht der Homosexualität.
Alexandra arbeitet als Kellnerin in einem Restaurant in der Langen Reihe. Das ist nicht ihr Traumjob, aber sie ist noch jung, gerade erst zwanzig Jahre alt, und muss sich erst noch überlegen, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen will. Im Moment benutzt sie ihre Freizeit dazu, Stig und Karsten nachzustellen. Das wird langsam zu einer richtigen Besessenheit.
Sie hat beide schon viele Male verfolgt. Karstens Tagesablauf ist langweilig. Er geht nur in die Uni, Einkaufen und Wäschewaschen. Mehr scheint in seinem Leben nicht stattzufinden. Stig ist ein anderer Fall. Es gelingt ihm immer, Alexandra in kürzester Zeit abzuhängen, als ob er wüsste, dass sie ihm nachsteigt. Sie weiss daher immer noch nicht, wo er hingeht und mit wem er sich trifft.
Eines Morgens bietet sich jedoch eine andere Möglichkeit. Alexandra will gerade an Karsten und Stigs Wohnung vorbeigehen – sie wohnen ein Stockwerk unter Alexandra – als sie bemerkt, dass die Wohnungstür nicht richtig geschlossen ist. Sie kann nicht widerstehen und öffnet die Tür ganz vorsichtig, so dass sie hineinspähen kann. Irgendwo in der Wohnung ist jemand dabei, laut ein Gedicht aufzusagen oder sowas, sie kann die Worte nicht hören, aber der Tonfall ist reklamierend. Sie schleicht sich in den Korridor der Wohnung und sieht Karsten in der Küche hin- und hergehen, ein Ei in der Hand, in der anderen mit dem Löffel gestikulierend und vor sich hinredend. Sie hört jetzt vielfach die Worte ”Gott”, ”Jesus Christus” und ”wir armen Sünder” heraus. Ach du meine Güte, denkt Alexandra, wie ist der denn drauf. Die Neugierde treibt sie dazu, die erste Tür zu ihrer Rechten vorsichtig zu öffnen. Das sieht nach Karstens Zimmer aus, Bücher über Bücher auf allen freien Flächen. Die Titel lassen auf christliche Literatur schliessen. Deswegen ist er so verklemmt, denkt sie.
Sie probiert die Tür auf der linken Seite. In diesem Zimmer sieht es sehr spartanisch aus. Keine Bücher, keine Bilder, keine Poster, überhaupt nichts Persönliches. Neugieriger als je zuvor geht sie hinein und schliesst die Tür hinter sich. Sie zieht nacheinander alle Schubladen auf, kann aber ausser Kleidungsstücken nichts finden, was ihr etwas über Stig erzählen könnte. Sie schaut unter das Bett. Da liegt ein flacher Kasten. Ist das eine elektrische Gitarre? Sie zieht den Kasten unter dem Bett hervor. Nein, der ist zu schmal, keine Gitarre. Sie öffnet den Kasten … und klappt ihn gleich wieder zu. Hat sie richtig gesehen? Sie schaut noch einmal: richtig, in dem Kasten liegt ein Gewehr, und zwar so eines wie sie Hitmen in Gangsterfilmen immer benutzen, mit Schalldämpfer und allen möglichen aufschraubbaren Teilchen. Alexandra kann den Blick nicht abwenden. Ein Messias und ein Hitman, was für ein Paar, denkt sie.
In dem Moment öffnet sich die Tür und Stig kommt herein. Alexandra schreit auf, klappt den Kasten zu und schiebt ihn unter das Bett. Aber Stig hat gesehen, was sie da gemacht hat. Durch den Schrei wird Karsten aufmerksam und stürzt ebenfalls ins Zimmer, nur um mit ansehen zu müssen, wie Stig dabei ist Alexandra zu erwürgen. Karsten bricht in eine laute Klage über die sündhafte Menschheit aus und bittet Gott um Gnade für Alexandra und Stigs schwarze Seele. Vor lauter Verblüffung lockert Stig seinen Griff um Alexandras Hals, die ihm geistesgegenwärtig ihr Knie in die Weichteile stösst und sich losreisst, während er sich vor Schmerzen zusammenkrümmt. Alexandra fängt laut an ”Hilfe, Mörder” zu schreien, während Karsten in seinem Klagegesang fortfährt. Durch all den Lärm werden noch mehr Nachbarn in die Wohnung gelockt, einige davon Rausschmeisser auf dem Kiez, die sich über Stig hermachen. Irgendjemand ruft die Polizei, Stig wird festgenommen und Karsten und Alexandra werden ebenfalls in einen Streifenwagen geladen, um ihre Erklärungen abzugeben.
Bevor sie auf der Wache in verschiedene Verhörlokale geführt werden, gelingt es Alexandra Karsten ”mein Held, ich werde dich heute Nacht belohnen” zuzuflüstern, woraufhin er in eine neue Klage über den Zustand der Menschheit ausbricht. Der Polizist, der ihn verhören soll, rauft sich die Haare.