Der Mann aus Teheran, Skovshoved (Kopenhagen)/Hamburg … The man from Tehran, Skovshoved (Copenhagen)/ Hamburg

CoverDeutsch

Der Mann aus Teheran

Dienstag, 7. Februar 2006

Skovshoved, nördlich von Kopenhagen, 17.00 Uhr

Williams setzte sich. Er wusste, was er sagen wollte, war aber nicht sicher, ob Turner sich kooperativ zeigen würde. Letzten Endes war das eigentlich nicht Williams Problem, aber sein persönliches Interesse an der Sache ließ ihn viel länger gehen, als er es normalerweise tun würde. Er dachte an das A-tox-Gift. Er hatte die Kapsel, oder was davon übrig war, immer noch in der Hosentasche zusammen mit dem Ring, nur um sicher zu gehen.
Er erinnerte sich lebhaft an die letzte Liquidierung in Kandahar. Wie hieß er noch? Er war versucht, auf die Liste zu sehen, aber im Grunde war das jetzt gleichgültig. Er sah auf die Uhr. Er hatte jetzt fast eine halbe Stunde gewartet, aber man musste wohl mit mindestens einer halben Stunde rechnen, bevor Turner jemanden empfing. In diesem Moment kam ein Mann die Treppe hinunter in die Halle.
– Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen, Williams, sagte Turner. Er war das personifizierte Diplomatenlächeln.
– Ich war mitten in einem Gespräch mit Washington, das nicht enden wollte; ich hoffe, Sie können mir verzeihen, fuhr er fort und gab Williams die Hand.
– Keine Ursache, sagte Williams und lächelte mit der unteren Hälfte seines Gesichts, als er die ausgestreckte Hand nahm. Es tut mir leid, Sie zu stören, aber ich war der Meinung, die Angelegenheit kann nicht bis morgen warten.
– Das klingt interessant! Setzen wir uns hier rein, sagte Turner, und wies mit der Hand auf eine Tür. Er ging voran und Williams folgte ihm. Sie traten in eine große, geräumige Bibliothek.
– Kann ich Ihnen etwas anbieten? fragte Turner, als sie auf zwei separaten Chesterfield-Sofas Platz nahmen.
– Nein danke, Sir, sagte Williams, Ich möchte nichts. – Wie Sie wünschen, Williams, sagte Turner, nickend. Nun, was kann ich für Sie tun? Was bringt Sie zu mir? Turners Ton war neutral.
– Ich will gleich zur Sache kommen, Sir, begann Williams. Wir haben in Erfahrung gebracht, dass mit großer Wahrscheinlichkeit hier in Kopenhagen ein Angriff stattfinden soll. Mit einem Angriff meine ich natürlich einen Terroranschlag. Trotz Lemmings Warnung war Turner ziemlich überrascht zu hören, dass Kopenhagen betroffen sein sollte. Lemming hatte doch gesagt, dass man das genaue Ziel nicht kannte. Turner war jedoch durch und durch Politiker und ließ sich nichts anmerken. Er hob nur leicht die Augenbrauen und wiederholte:
– Hier in Kopenhagen? Was in aller Welt veranlasst Sie zu dieser Annahme?
– Es ist eine ziemlich lange Geschichte, Sir, sagte Williams. Aber kurz gesagt, sind wir sicher, oder fast sicher, dass man übermorgen im Zusammenhang mit dem Basketball-Spiel hier in Kopenhagen zuschlagen wird. Turner erinnerte sich daran, dass die Botschaft eine Reihe Eintrittskarten für ein Freundschaftsspiel zwischen den USA und Dänemark erhalten hatte, und er war wirklich überrascht.
– Sie erwarten einen Terroranschlag während eines Basketball-Spiels hier in Kopenhagen? fragte er interessiert.
– Nein, Sir, sagte Williams, nicht während des Spiels, aber bei der Abreise vom Flughafen. Turners fielen fast die Augen aus dem Kopf. Williams fortsetzte:
– Die EATO hat etwas entdeckt, was diese Abreise äußerst interessant macht, wenn Sie den Ausdruck entschuldigen wollen. Turner antwortete nicht, sondern sah ihn nur fragend an. Williams war mit der Wirkung, die diese Information offensichtlich auf Turner hatte, sehr zufrieden:
– Sehen Sie, nach dem Spiel in Kopenhagen reist das Basketball-Team weiter nach Budapest, um dort am nächsten Tag zu spielen, aber, und jetzt wird die Sache interessant, Botschafter Arthur Goldschmidt aus Stockholm reist aus demselben Grund nach Budapest, und er plant, in Kopenhagen zwischenzulanden und die restliche Strecke zusammen mit den Jungs zu fliegen. Das sollten Sie eigentlich bereits wissen, Sir, wenn ich richtig informiert bin. Williams hielt inne und sah den Botschafter an, dessen Gesichtsausdruck von erstaunt zu nachdenklich wechselte. Williams vermutete, dass Turner begann, die Implikationen des soeben Gehörten zu verstehen.
– Ich muss ehrlich zugeben, dass ich über dieses Zusammentreffen von Ereignissen nicht weiter nachgedacht habe, Williams, sagte Turner schließlich.
– Nun, das ist noch nicht alles, Sir, fuhr Williams fort. Um die Sache noch mehr auf die Spitze zu treiben, kann die Gruppe sich der Gesellschaft des dänischen Außenministers erfreuen, der ebenfalls nach Budapest reisen wird, und zwar mit demselben Flugzeug.
– Aber die Sicherheitsveranstaltungen rund um diesen Flug werden doch zu umfangreich sein, als dass man an der Stelle etwas durchführen könnte, oder was meinen Sie, Williams? fragte Turner.
– Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Sir, sagte Williams. Aber dass etwas undurchführbar ist, hindert weniger rationelle Personen ja nicht daran, es zu versuchen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und gerade diese Tatsache könnte sich für uns als großer Vorteil erweisen.
– Aha, sagte Turner, Sie haben einen Vorschlag.
– Ja, Sir, das habe ich, antwortete Williams. Ich glaube, wir sollten die Reisevorbereitungen vollständig wie geplant durchführen, ja, ich schlage sogar vor, ein großes Medienereignis daraus zu machen. Wir haben einen strategischen Vorteil, weil wir über die Pläne der Terroristen Bescheid wissen, Sir, und den Vorteil sollten wir nutzen, um gegen den Abschaum vorzugehen, der hier einen Terroranschlag durchführen will. Er hielt wieder inne, damit Turner seine Worte verarbeiten konnte, bevor er fortfuhr:
– Sehen Sie, Sir, wenn wir die Pläne ändern, senden wir zwei Signale aus, die beide unvorteilhaft für uns sind. Erstens verraten wir, dass wir bereits von ihren Plänen wissen, so dass sie künftig vorsichtiger sind, und damit geben wir den Vorteil im Hinblick auf Informationen auf, den wir heute haben; zweitens signalisieren wir, dass wir durch Druck beeinflussbar sind, was natürlich andere Terroristen ermutigen würde.
Aber wenn wir unsere Pläne nicht ändern und hart gegen die Terroristen vorgehen, senden wir eine klare Botschaft, die sich zu unserem Vorteil auswirken wird. Williams machte eine Pause und versuchte Turners Blick festzuhalten, so als ob er erwartete, dass dieser den Rest allein herausfinden könnte. Das konnte Turner offensichtlich nicht.

– Und diese klare Botschaft ist? fragte er fast reflexmäßig. Williams breitete die Arme aus.
– Dass die, die uns angreifen, selber vernichtet werden, antwortete er selbstsicher. Ich denke, das wird den meisten Plänen, die in den Terror-Zellen überall auf der Welt geschmiedet werden, die Luft aus den Segeln nehmen. Turner nickte nachdenklich. Er hatte sich von seiner Überraschung erholt und begonnen, die Situation von einem pragmatischen Blickwinkel aus zu betrachten. Er wollte noch etwas nachbohren.
– Wenn wir die Reisepläne durchführen, wie Sie vorschlagen, Williams, würde das natürlich bedeuten, dass wir bewusst Arthur Goldschmidt und den dänischen Außenminister samt einer Gruppe Athleten als Köder benutzen. Das kann bestimmt nicht mit der Sicherheitspolitik der USA oder Dänemarks übereinstimmen. Außerdem kann ich wohl davon ausgehen, dass weder Goldschmidt noch der Minister darüber informiert wurden. Und schließlich ist da noch die Tatsache, dass wir von einem erwarteten Sicherheitsrisiko reden und nicht nur von einem latenten Sicherheitsrisiko, das ja immer vorhanden ist. Habe ich recht, Williams?
– Ja, natürlich haben Sie recht, sagte Williams, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Aber ich meine, dass alles auf eine Weise durchgeführt werden kann, die ein Sicherheitsrisiko für alle Beteiligten ausschließt. Williams beugte sich nach vorne und fuhr fort:
– Wie Sie bereits selbst gesagt haben, Sir, so sind die Sicherheitsvorkehrungen des Flughafens im Vorhinein umfangreich, ja, sogar äußerst umfangreich. Aber was wäre, wenn wir sie noch weiter erhöhten? Was wäre, wenn so ca. jeder zwanzigste Reisende im Flughafen kein gewöhnlicher Reisender, sondern ein Agent von entweder uns oder der EATO wäre? Können Sie sehen, was ich meine, Sir? Wir ziehen einen eisernen Ring um die Budapest-Gruppe, wenn ich das mal so sagen darf, so dass wir den gesamten Flughafen unter Kontrolle haben, und dann warten wir ab und sehen, was passiert. Ich bin sicher, dass wir einen der ganz großen Fische an die Angel bekommen. Und denken Sie an die politischen Aspekte, wenn wir die volle Aufmerksamkeit der Medien dabeihaben. Alleine was PR anbelangt, könnte es sich von unschätzbarem Wert erweisen.
Turner wusste nicht genau warum, aber die Idee sprach ihn an, sehr sogar. Vielleicht war es die große Kampferfahrung aus seiner Offiziersvergangenheit, die er unter anderem in Vietnam verbracht hatte, oder vielleicht war es die Aussicht, in das Rampenlicht einer höheren politischen Ebene zu kommen, falls alles so verlief, wie Williams es voraussah. Auf jeden Fall hatte er ein Gefühl wie ‚am Abend vor der Schlacht‘ im Magen. Wenn etwas schiefging, wäre natürlich Williams der Sündenbock und nicht er. Was hatte Lemming über Williams gesagt? „Er ist ganz bestimmt unkonventionell, aber er erledigt seine Arbeit.“ Turner traf seine Entscheidung:
– Ich kann nicht für die anderen entscheiden, Williams, aber ich für meinen Teil will mich ihren Plänen nicht in den Weg stellen. Aber nun sagen Sie mir, welche Rolle Sie mir zugedacht haben. Williams wusste, dass er den Botschafter für seine Idee gewonnen hatte und antwortete:
– Ich hatte mir vorgestellt, dass Sie vielleicht helfen könnten, Arthur Goldschmidt und den dänischen Außenminister für den Plan zu gewinnen. Ich gehe davon aus, dass beide mehr empfänglich für die Idee sind, wenn sie von Ihnen kommt, Sir. Und es wäre gut, wenn wir ihre Zustimmung so schnell wie möglich erhalten könnten.
– Sollte eine solche Anfrage nicht von der EATO kommen anstatt von der Botschaft? wandte Turner ein.
– Unmittelbar haben Sie natürlich recht, Sir, sagte Williams glatt. Aber so wie ich den Leiter der EATO Rolf Duvenhart kenne, zweifle ich daran, dass er mit einem solchen Vorgehen einverstanden wäre.
– Ach, rief Turner aus, weiß er vielleicht etwas, was wir nicht wissen?
– Nein, überhaupt nicht. Es ist eher eine Frage des Prinzips für Duvenhart, Sir, antwortete Williams. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich nicht verstehe, warum ausgerechnet er zum Leiter der EATO gemacht worden ist. Er teilt mit Sicherheit nicht unsere Auffassung von Terrorbekämpfung. Seine Haltungen sind für unseren Geschmack zu schlaff. Die taugen zu gar nichts. Und ich begreife nicht im Mindesten, wie er Tom Pettersson dazu gebracht hat, die Navy Seals zu verlassen, um ein Einsatzkommando der EATO zu leiten. Williams schüttelte den Kopf.
– Ja, ich habe natürlich davon gehört, dass Duvenhart sich weniger günstig über Guantánamo geäußert hat, sagte Turner und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Und er sieht vielleicht auch nicht gerade mit Wohlwollen auf unsere offizielle Außenpolitik im Nahen Osten, aber solche Haltungen gibt es auch bei vielen Amerikanern. Letzten Endes ist er auch Deutscher, und teilt im Großen und Ganzen die offizielle Haltung der deutschen Regierung zu solchen Fragen. Nein, Williams, interessant ist, wie er sich verhalten wird, wenn ich die notwendige Unterstützung für die Durchführung des Arrangements zur Verfügung stelle.
– Ich bin überzeugt, dass er sich als sehr hilfreich erweisen wird, Sir, sagte Williams.
– Aha, rief Turner überrascht aus. Könnten sie das etwas näher erläutern?
– Gerne, antwortete Williams. Objektiv gesehen, ist die EATO außerordentlich wirksam, wenn es hart auf hart kommt. Die Lösung des Problems liegt allein darin, Duvenhart für die Aufgabe zu motivieren. Wenn die Entscheidung zur Durchführung des Arrangements erst einmal getroffen ist, wird er alles daransetzen, dass nichts schiefgeht. Er wird die übergeordnete Verantwortung tragen. Daher wird er keine Lust haben, bei der ersten Gelegenheit, die er bekommt, seine Fähigkeiten zu demonstrieren, in einem Fiasko zu enden. Nein, Sir, er wird mitspielen. Turner nickte.
– Das klingt vernünftig, Williams, sagte er. Ich werde sehen, was ich tun kann. In meinen Augen geht Duvenhart im Grunde nur die Einwilligung des dänischen Außenministers etwas an. Die EATO wird sich wohl kaum in die Arrangements einmischen, an denen unsere eigenen Botschafter teilnehmen. Aber man weiß natürlich nie. Rufen Sie mich in ein paar Stunden an, Williams, dann habe ich vielleicht eine Antwort.
– Vielen Dank, Sir, sagte Williams. Ich fliege heute Abend nach Hamburg. Ich nehme an einem Treffen der EATO morgen früh teil. Ich werde mein Bestes tun, damit die Zusammenarbeit zwischen ihnen und uns so reibungslos wie möglich verläuft. Ich rufe Sie an, wenn ich im Hotel angekommen bin.

Hamburg, 18.25 Uhr

– Bist du dir deiner Sache sicher? fragte Rolf. Es klingt fast zu unwahrscheinlich.
– Ja, ich bin mir sicher, antwortete der Mann, mit dem er sprach. Es ist ziemlich offensichtlich, dass jemand von außen Zugriff auf die Datenbank hatte. Er zeigte mit der Hand auf den übergroßen Flachbildschirm vor ihm und betrachtete ihn skeptisch, bevor mit einem Kopfschütteln fortfuhr:
– Aber ich verstehe einfach nicht, wie jemand reinkommen konnte, vorbei an unseren… Er ließ die Worte in der Luft hängen. Dann sah er Rolf an und fuhr fort:
– Unsere Firewalls sind nicht gerade simpel, wie du weißt. Michael Anthony hatte Rolf ins CCU (Central Computer Unit oder zentrale Computereinheit) gebeten, das für sämtliche EDV-Installationen der EATO verantwortlich war. Die Hardware der CCU bestand in erster Linie aus einer sehr kräftigen Zentraleinheit, die viele wahrscheinlich als ein wenig altmodisch bezeichnen würden, aber dieses System gab ihnen eine enorme Rechenleistung kombiniert mit hoher Sicherheit. Man verfügte auch über ein Netzwerk individueller PCs, sowohl im EATO-Gebäude selber, als auch dezentral über ganz Europa verteilt, und man hatte einen besonders abgesicherten Projektraum mit allen denkbaren Kommunikations- und Überwachungsanlagen eingerichtet. Das CCU war EATOs Gehirn, zumindest jener Teil des Gehirns, wo alle Informationen und Daten erhoben wurden, und nicht autorisierte Zugriffe auf die Datenbank konnten unüberschaubare Folgen für die Organisation mit sich führen. Rolf sah ein, dass er schnell eine Entscheidung treffen musste.
– Wie lange brauchst du, um das Loch zu finden und es zu schließen? fragte er.
– Das ist schwer zu sagen, antwortete Michael. Unter Umständen bin ich gezwungen, alle Besucher des letzten Monats oder noch länger zu überprüfen. Verdammter Mist, wenn wir Pech haben, kann es Tage dauern – vielleicht sogar Wochen.

Rolf verzog das Gesicht, als ob Michaels Antwort ihm Schmerzen bereitete, sagte aber nicht sofort etwas. Dies war die denkbar schlechteste Zeit für ein Sicherheitsproblem, dachte er. Sie konnten gerade jetzt nicht ohne die Datenbank auskommen, ja, wann konnten sie das schon. Keine EDV, keine EATO. Aber es gab offenbar keinen Ausweg; er musste die Entscheidung jetzt treffen.
– Also gut, sagte er, wie du sagst, müssen wir davon ausgehen, dass von außen zugegriffen wurde, das heißt wir müssen jeglichen externen Zugang sofort blockieren. Danach brauch alle Ressourcen, um das Loch zu finden. Das Wichtigste hier und jetzt ist, dass wir einen Überblick darüber bekommen, auf welche Dateien zugegriffen wurde, und das so schnell wie möglich. Du musst mir versprechen, dein Bestmögliches zu tun.
– Ich fange sofort an, sagte Michael, aber ehrlich gesagt wäre ich an deiner Stelle nicht allzu besorgt, Rolf. Die meisten Daten sind verschlüsselt, und alle sensiblen Daten sind außerdem kodiert, und du bist der einzige, außer mir natürlich, der hier im Hause Zugang zu den Codes hat. Es wird unendlich lange dauern, die Daten zu entschlüsseln… Er breitete die Arme aus, als ob er etwas umarmen wollte.
– … und wenn es schließlich gelingt, die Daten in eine lesbare Form zu bekommen, wird es unmöglich sein, die Codes zu knacken, fast unmöglich.
– Ja, das weiß ich doch, sagte Rolf. Aber mir liegt das trotzdem auf dem Magen.
– Und noch eins, versetzte Michael, ich bin mir ziemlich sicher, dass der ‚Besuch‘ ein Zufall war. Rolf schaute ihn fragend an.
– Ein Zufall? wiederholte er.
– Ein Zufall, kam das Echo von Michael. Siehst du, nach einer Installation wie der unsrigen kann man nicht einfach so in Cyberspace suchen, es sei denn natürlich, man weiß, dass sie existiert, und damit wüsste man, worauf zu achten ist. Aber dazu müsste man eben erst einmal wissen, dass wir existieren und im Besitz einer unserer IP-Adressen sein. Kein Außenstehender kennt die, es sei denn, es gibt eine undichte Stelle bei uns. Man konnte ihm ansehen, dass er diese Möglichkeit für unwahrscheinlich hielt.
– Aha, sagte Rolf. Er war nicht so sicher, dass es nicht doch eine undichte Stelle gab. Er dachte an die neuesten Berichte über CP100, von denen Michael nichts wusste. Die ließen die Dinge in einem etwas anderen Licht erscheinen.
– Ich verstehe, fuhr er fort, aber ich werde meine Entscheidung aufrechterhalten, klar?
– Ich bin bereits dabei, sagte Michael, ich wollte dir nur unnötige Sorgen ersparen. Er tippte eine Reihe von Befehlen in die Tastatur vor ihm und betrachtete abwartend den Bildschirm.
– Voilá! rief er aus, jetzt ist der Laden dicht!

 

Einige tausend Kilometer entfernt saß ein Mann vor einem PC-Bildschirm und entschlüsselte einen aktuellen Download von der EATO-Datenbank. Plötzlich wurde die Verbindung unterbrochen. Er versuchte, sie wieder herzustellen, aber ohne Erfolg. Seltsam, dachte er, und kniff die Augen zusammen. Das war bisher noch nie passiert. Ich frage mich, ob das ein schlechtes Vorzeichen ist. Hatte man sie entdeckt? Die Gedanken des Mannes bildeten einen seltsamen Kontrast zum Text auf dem Bildschirm: der Text war auf Englisch, seine Gedanken auf Arabisch. Aber das spielte jetzt keine große Rolle mehr, dachte er weiter. Sie hatten schon reichlich Material.

(Fortsetzung folgt)

 

ENGLISH

The man from Tehran

Tuesday February 7, 2006

Skovshoved, north of Copenhagen, 5 p.m.

Williams sat down. He knew what he wanted to say, but he wasn’t sure whether Turner would show himself cooperative or not. It wasn’t actually Williams’s problem, but his personal interest in the matter made him go much further than he would do normally.

He thought of the A-tox poison. He still had the capsule, or what was left of it, in his pocket with the ring just to be sure. He vividly remembered the last liquidation in Kandahar. What was his name? He was tempted to look at the list, but basically it didn’t matter now. He checked his watch. He had waited almost half an hour, but one would have to expect at least half an hour before Turner received anyone. At that moment a man came down the stairs into the hall.

– Excuse me for keeping you waiting, Williams, said Turner. He was the personified diplomatic smile.
– I was in the middle of a conversation with Washington that wouldn’t end; I hope you can forgive me, he went on as he shook hands with Williams.
– Think nothing of it, said Williams, smiling with only the lower half of his face as he took the outstretched hand. I’m sorry to bother you, but I thought the matter couldn’t wait until tomorrow.
– That sounds interesting! Let’s sit in here, Turner said, pointing at a door.
He went ahead and Williams followed. They entered a large, spacious library.
– Can I offer you something? Turner asked as they sat on two separate Chesterfield couches.
– No thank you, Sir, Williams said, I am fine.
– As you wish, Williams, said Turner, nodding. Now what can I do for you? What brings you to Copenhagen? Turner’s tone was neutral.
– Let me get straight to the point, Sir, Williams started. We have learned that there is likely to be an attack here in Copenhagen. By an attack, of course, I mean a terrorist attack.

Despite Lemming’s warning, Turner was absolutely surprised to hear that Copenhagen should be targeted. Lemming had said that the exact destination was not known! However, Turner was a politician through and through and showed no sign of surprise. He raised his eyebrows slightly and repeated:
– Here in Copenhagen? What in the world is causing you to make this assumption?
– It’s a long story, Sir, Williams said. But in a nutshell, we are certain, or almost certain, that they will strike the day after tomorrow in connection with the basketball game here in Copenhagen.
Turner remembered that the embassy had received a number of tickets for a friendly match between the United States and Denmark, and he was really surprised.
– Are you expecting a terrorist attack during a basketball game here in Copenhagen? he asked with growing interest.
– No, Sir, Williams answered, not during the game, but at the departure from the airport. Turners‘ eyes almost fell out of his head. Williams continued:
– EATO has discovered something that makes this departure extremely interesting if you want to excuse the expression.
Turner didn’t answer, but just looked at him questioningly. Williams was very pleased with the effect this information had on Turner:
– You see, Sir, after the game in Copenhagen, the basketball team moves on to Budapest to play there the next day, but – and here’s where things get interesting – Ambassador Arthur Goldschmidt from Stockholm is traveling to Budapest for the same reason, and he’s planning to stop in Copenhagen and fly the rest of the way with the boys. You should already know that, Sir, if I am properly informed.
Williams paused and looked at the ambassador, whose expression changed from astonished to thoughtful. Williams suspected that Turner was beginning to understand the implications of what he had just heard.

– I have to admit that I didn’t think about this coincidence of events earlier, Williams, Turner said finally.
– Well, that’s not all, Sir, Williams continued. To take matters even further, the group will enjoy the company of the Danish Foreign Minister, who will also be traveling to Budapest, on the same plane.
– But the security surrounding this flight will surely be too extensive for anyone to be able to do anything, or what do you think, Williams? asked Turner.
– I agree with you, Sir, said Williams. But the fact that something is more ore less impossible doesn’t necessarily stop less rational people from trying, if you understand what I mean. And this fact could prove to be a great advantage for us.
– Aha, said Turner, you have a suggestion?
– Yes, Sir, I do, Williams replied. I think we should let all the travel arrangements continue as planned. As a matter of fact, I even suggest making a big media event out of it. We have a strategic advantage because we are aware of the terrorists‘ plans, Sir, and we should use this advantage to deal with the scum who wants to carry out a terrorist attack here.
He paused again so Turner could process his words before continuing:

– You see, Sir, if we change the plans, we’ll send out two signals, both of which are disadvantageous to us. Firstly, we reveal that we already know about their plans so that they will be more careful in the future, and so we are giving up the advantage with regard to information that we have today; secondly, we send the signal that we can be influenced by pressure, which of course would encourage other terrorists.
– But if we do not change our plans and instead come down hard on the terrorists, we will send a clear message that will work to our advantage.
Williams paused and tried to hold Turner’s gaze as if he expected him to find out the rest on his own. Obviously, Turner couldn’t.

– And this clear message is? Turner asked almost reflexively.

Williams made a gesture with his arms.
– That those who attack us will themselves be destroyed, he confidently replied. I think that will take the wind out of the sails of most of the plans that are being made in the terror cells all over the world.

Turner nodded thoughtfully. He had recovered from his surprise and had started to look at the situation from a pragmatic perspective. He decided to ask deeper for more information.
– If we carry on with the travel plans as you suggest, Williams, it will of course mean that we deliberately use Arthur Goldschmidt and the Danish Foreign Minister and a group of athletes as bait. That certainly cannot be in line with the security policy of the United States or of Denmark. I also assume that neither Goldschmidt nor the Minister have been informed. And finally, there is the fact that we are talking about an expected security risk and not just a latent security risk which is always there. Am I right Williams?
– Yes, of course you are right, Williams said, as if it was the most obvious thing in the world. But I believe that everything can be done in a way that eliminates any security risk for everyone involved.
Williams leaned forward and continued:
– As you said yourself, Sir, the airport’s security measures are already extensive. I’d say even extremely extensive. But what if we raised the level of security even further? What if – let’s say – one out of twenty passengers in the airport was not an ordinary traveler but an agent of either us or EATO? Do you see what I mean, Sir? We build an iron ring around the Budapest group, if I may put it this way, so that we have the entire airport under control, and then we wait and see what happens. I’m sure we can catch one of the really big fish with this plan. And think about the political aspects when we get the full media attention. As for PR alone, it could prove invaluable.

Turner didn’t know exactly why, but the idea appealed to him, very much so. Perhaps it was the combat experience from his past as officer in the military that he had spent in Vietnam, among other places, or perhaps the prospect of getting into the limelight of a higher political level if everything went as Williams predicted. In any case, he had a feeling like ‚the evening before a battle‘ in his stomach. If something went wrong, Williams would of course be the scapegoat and not him. What had Lemming said about Williams? „He is definitely unconventional, but he does the job.“ Turner made his decision:

– I can’t decide for the others, Williams, but for my part, I don’t want to stand in the way of your plans. But now tell me what role you intended me to play.

Williams knew that he had won the ambassador for his idea and replied:
– I was hoping that you might be able to get Arthur Goldschmidt and the Danish Foreign Minister in on the plans. I’m assuming both would be more receptive to the idea when it comes from you, Sir. And it would be good if we could get their approval as soon as possible.
– Shouldn’t such a request come from EATO instead of the embassy? objected Turner.
– You are right, of course, Sir, said Williams smoothly. But as I know the head of EATO Rolf Duvenhart, I doubt that he would agree to this.
– Oh, Turner exclaimed, maybe he knows something we don’t know?
– No not at all, Sir. It’s more a matter of principle for Duvenhart, Williams replied. I have to honestly say that I don’t understand why he was made head of EATO in the first place. He certainly does not share our view on fighting terrorism. His attitudes are too limp for our tastes. They are completely useless. And I don’t understand at all how he got Tom Pettersson to leave the Navy Seals to lead an EATO task force.
Williams shook his head.
– Yes, of course I heard that Duvenhart was less favorable about Guantánamo, said Turner and made a defensive movement with his hand. And he may not look at our official foreign policy in the Middle East with benevolence, but many Americans have such attitudes as well. And not least of all, he is also German, and broadly shares the official position of the German government on such questions. No, Williams, the interesting thing will be, how he will respond if I provide the necessary support to carry out the arrangement.
– I am convinced he will be very helpful, Sir, Williams said.
– Really, Turner exclaimed in surprise. Could you explain that a bit more?
– Gladly, answered Williams. Objectively speaking, the EATO is extremely effective when the going gets tough. Therefore, the only solution to the problem is to motivate Duvenhart for the task. Once the decision to carry out the arrangement is made, he will do everything to ensure that nothing goes wrong. He will of course have the overall responsibility. Therefore, he will have no desire to end in a fiasco at the first opportunity he is given to demonstrate his skills. No sir, he’s going to play along.
Turner nodded.
– That sounds reasonable, Williams, he said. I will see what I can do. In my opinion, Duvenhart is basically only concerned with the consent of the Danish Foreign Minister. EATO is unlikely to interfere in the arrangements in which our own ambassadors participate. But of course, you never know. Call me in a few hours, Williams, and I might have an answer.
– Thank you, Sir, said Williams. I’m going to Hamburg tonight. I’m attending an EATO meeting tomorrow morning. I will do my best to make the cooperation between them and us as smooth as possible. I’ll call you when I get to the hotel.

 

Hamburg, 6:25 p.m.

– Are you sure of this? asked Rolf. It sounds almost too improbable.
– Yes, I’m sure, answered the man he spoke to. It is fairly obvious that someone else had access to the database. He pointed at the oversized flat screen in front of him and eyed it skeptically before shaking his head:
– But I just don’t understand how anyone could get in past our … He let the words hang unfinished in the air. Then he looked at Rolf and continued:
– Our firewalls are designed to be impossible to pass, as you know.

Michael Anthony had called Rolf to join the CCU (Central Computer Unit), which was responsible for all EATO’s IT installations. The CCU hardware primarily consisted of a very powerful central processing unit, which many would probably call a little old-fashioned, but this system gave them enormous computing power combined with high security. There was also a network of individual PCs, both in the EATO building itself and distributed across Europe, and an especially secured action room with all conceivable communication and monitoring systems had been set up. The CCU was EATO’s brain, at least the part of the brain where all information and data is collected, and unauthorized access to the database could have unmanageable consequences for the organization.

Rolf realized that he had to take a decision quickly.
– How long will it take you to find the hole and close it? he asked.
– It’s hard to say, Michael replied. I may be forced to review all logins from the past month or even longer. Damn it, if we’re unlucky, it can take days – maybe even weeks.

Rolf made a face as if he was hurt physically by Michael’s answer, but didn’t say anything immediately. This was the worst possible time for a security problem, he thought. Right now they couldn’t get by without the database, huh, when could they? No IT meant no EATO. But there was obviously no way out; he had to take the decision now.
– All right, he said, as you say, we have to assume that external access has taken place, which means we have to block all external access immediately. Use all the necessary resources to find the hole. The important thing here and now is that we get an overview of which files have been accessed, and as quickly as possible. I know you’ll do your best.

– I’m going to start right away, Michael said, but honestly, I wouldn’t be too concerned about it, Rolf. Most of the data is encrypted, and all sensitive data is also encoded, and you’re the only one except me, of course, who has access to the codes here in the house. It will take a long time to decrypt the data … He spread his arms as if he wanted to hug something.
– … and if the data is finally readable, it will be impossible to crack the codes, almost impossible.
– Yes, I know that, said Rolf. But it is still worrying me.
– And one more thing, said Michael, I’m pretty sure that the ‚visit‘ was a coincidence. Rolf looked at him questioningly.
– A coincidence? Rolf repeated.
– Yes. a coincidence, said Michael. You see, you can’t just look for an installation like ours in cyberspace unless you know it exists, of course, and you therefore know what to look for. But to do that you would first have to actually know that we exist and have gotten hold of one of our IP addresses. No outsider knows them unless we have a leak.
It was clear from his facial expression that he thought this possibility unlikely.
– Aha, said Rolf. He wasn’t so sure there wasn’t a leak. He thought of the latest reports on CP100 that Michael didn’t know about. They made things appear in a slightly different light.
– I understand, he continued, but I will stand by my decision, okay?
– I’m already on it, Michael said, I just wanted to save you unnecessary worries. He typed a series of commands on the keyboard in front of him and watched the screen, waiting.

– Voilá! he exclaimed, now the shop is closed!

A few thousand kilometers away, a man was sitting in front of a PC screen and decrypting a current download from the EATO database, when the connection was suddenly interrupted. He tried to restore it, but to no avail. Strange, he thought, and narrowed his eyes. That had never happened before. I wonder if that’s a bad omen. Had they been discovered? The man’s thoughts were a strange contrast to the text on the screen: the text was in English, his thoughts in Arabic. But that didn’t matter much anymore, he thought further. They already had plenty of material.

(To be continued)

 

 

 

Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr seit 1993 verheiratet und in Dänemark lebend. Meine Beiträge erscheinen daher in deutscher Sprache (und nicht in dänischer) und seit 2018 auch in englischer Sprache. … I was born in Germany, have been married with a Dane since 1993 and are living in Denmark. Therefore, my posts are published in German (and not in Danish) and since 2018 in English as well.

7 Gedanken zu „Der Mann aus Teheran, Skovshoved (Kopenhagen)/Hamburg … The man from Tehran, Skovshoved (Copenhagen)/ Hamburg“

      1. Hier, liebe Birgit, möchte ich aus eigener Erfahrung als Blog Leser und Blob Schreiber meine Meinung äussern. Als Leser ziehe ich kurze Posts vor, da ich pro Tag so etwa zwanzig Posts lese und darauf eingehen möchte. Als Schreiber weiß ich, dass man seine Leserschaft schnell verliert, wenn man zu langatmig wird. Ganz gleich wie spannend eine Geschichte oder gar ein Roman ist, man kann nicht erwarten, dass die Blog-Freunde die Zeit haben, alles auf einmal zu lesen. Du machst es also richtig. Und das ist meine Meinung. Habt noch eine schöne Woche!

        Gefällt 2 Personen

  1. Ich freue mich auf jeden Teil. Ich bewundere dich für die viele Arbeit, die du dir machst mit dem Einstellen. Ich persönlich finde die derzeitige Textlänge angenehm. Längere Teile würden zwar die Neugierde befriedigen, aber vermutlich wirklich manche abschrecken. Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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