Landstrassenabenteuer

Es begann alles so harmlos mit ein paar Schusseligkeiten nach einem wunderschönen Nachmittag bei Frau Meermond. Das war am letzten Freitag (5. April) und musste erst einmal verarbeitet werden.

Ich fuhr von Frau Meermond los und wollte die Strecke über Hals und der Fähre nach Egede nehmen, um nicht in den Berufsverkehr in Aalborg zu kommen. Leider vergass ich, den Navi einzustellen und musste irgendwo einen Platz zum Halten finden. Zwei Kreisverkehre nach Ortsende fand ich einen Mitfahrparkplatz. Der Navi instruierte mich dann zurückzufahren. Nach 300 Metern rechts und gleich wieder links. Ich habe immer Schwierigkeiten einzuschätzen, wie lange soundso viel Meter dauern und richte mich nach der Karte. Ich fahre also nach rechts, „Neuberechnung der Route“ ertönt es, Mist, ich bin wohl zu früh abgebogen. Ich wende also um fahre weiter in die ursprüngliche Richtung. „Neuberechnung der Route“ muss ich mir weiterhin anhören, Mist, Mist, Mist. Die Richtung schien jedenfalls richtig zu sein, nach Osten. Ich fuhr daher einfach weiter.

Dann bemerkte ich auf einmal, dass sich auf der Karte gar nichts mehr tat, Stillstand. Doofer Navi! Jetzt wollte ich natürlich einen Halteplatz finden, um den Navi neu zu programmieren. Das ist auf den kleinen Landstrassen gar nicht so einfach … aber schliesslich bot sich ein breiter Streifen vor einem grossen Gestüt an. Ich stellte meinen Navi erneut ein und wollte losfahren. Da kam ich doch tatsächlich nicht von der Stelle. Die Handbremse war gelöst, was denn nun? Ich stieg aus und musste feststellen, dass ich in einem tiefen Kiesstreifen stand und mich festgefahren hatte. Ich kam weder vor noch zurück. Jetzt brauche ich jemandem zum Schieben.

Ich versuchte, einen Vorbeifahrenden anzuhalten. Der erste hatte keine Lust zu halten. Aber der zweite, ein junger Landmann, hielt und half mir. Er versuchte, ganz vorsichtig Gas zu geben und rückwärts zu rollen. Es klappte nicht, und ich gab dem Auto einen Schubs. Er kam frei und stellte das Auto halb auf Asfalt. Weiter ging nicht, denn dort parkte sein Auto. Wir sprachen ab, dass ich ganz vorsichtig weiter rückwärts setzen würde, bis ich ganz auf Asfalt stand, sobald er weggefahren war. Das machten wir, und ich kam frei von dem blöden Kies und konnte weiterfahren. Der junge Mann wartete sogar noch ab, ob ich nun auch wirklich in Gang kam. Das war doch richtig nett.

Weiter ging es auf idyllischen Kleinststrassen und hübschen Dörfern. So ca. 8 Kilometer von Hals entfernt fuhr ich einen Hügel hoch. Ich fuhr nur 60 anstatt der erlaubten 80, weil ich oft finde, dass sich diese schmalen Strassen nicht für 80 eignen, und hinter mir niemand war, den ich behinderte. Das war mein und anderer Glück, wie sich herausstellte.

Oben auf dem Hügel bot sich mir ein Angst einjagender Anblick. Auf der gegenüberliegenden Spur kamen zwei Fahrradfahrer den Hügel hoch, ein Junge und sein Grossvater oder so, sie waren so ca. auf halber Höhe des Hügels, und daneben fuhr ein Auto und überholte sie auf meiner Spur. Aber ich habe gar nicht viel nachgedacht, ich sah, ich stieg in die Bremsen, Vollbremsung, alles im Auto flog durch die Gegend, ich, natürlich vom Sicherheitsgurt gehalten, die Sachen auf dem Nebensitz und die Pflanzen von Frau Meermond im Gepäckraum. Der Entgegenkommende gab Gas und wutschte gerade eben so an uns allen vorbei. Er fuhr dann einfach weiter … ich blieb erst einmal stehen.

Neben dem Fahrer sass eine Frau, vielleicht seine Frau, und ich hoffe, dass sie ihn ordentlich auf den Pott gesetzt hat nach diesem Geniestreich. Nun hat mein Mann mir versichert, dass man bei einem Unfall auf der Landstrasse wohl nicht stirbt, sondern „nur“ zu Schaden kommt, aber die beiden Radfahrer hatten ja keine Airbags. Wenn ich die 80 gefahren wäre, hätte es gekracht, gleich neben den Radfahrern …

Ich war sehr schockiert, musste ja aber weiterfahren, denn mich trennten noch ca. 20 Kilometer von meinem Zuhause. Kurz vor Hals leuchtete dann die Warnleuchte vom Benzintank auf. Auch das noch! Ich hatte unser neues Leasingauto noch nie getankt, denn da sorgt mein Mann normalerweise für, er ist eben ein Gentleman … Ich parkte und rief meinen Mann an, der mir erklärte, wie man den Tankdeckel öffnet (man muss nämlich an was ziehen neben dem Fahrersitz) und welche Sorte ich einfüllen sollte. (Ich erzählte ihm nichts, denn sonst hätte er sich allzu viel Sorgen gemacht.) Es beruhigte mich sehr, seine Stimme zu hören und ich bekam das hin und fuhr danach zur Fähre. Dort kaufte ich natürlich die falsche Karte und vergass beim Herunterfahren auf der anderen Seite, die Handbremse zu lösen … der Fahrkartenkontrolleur schenkte mir ein nachsichtiges Lächeln … aber er wusste ja nicht.

Als ich durch das Vildmose fuhr flogen zwei Schwäne im Tieflug vor mir über die Strasse und begleiteten mich noch eine Weile. Das machte mich froh, denn ich hatte inzwischen angefangen zu heulen. Aber ich musste ja schliesslich nach Hause und wollte möglichst heil dort ankommen.

Das gelang mir und dann konnte ich mich an der Schulter meines Mannes endlich ausweinen. Im Laufe des Abends fingen alle meine Muskeln an weh zu tun, nicht nur der Nacken, sondern auch alle anderen, als ob mich jemand verprügelt hätte.

Auch am Sonntag war ich tagsüber noch nicht wieder ganz die Alte. Aber jetzt wird es langsam wieder …

Wenn mich so ein Erlebnis dermassen schockiert, wie muss es denn all den Menschen ergehen, die täglich in Angst vor Bomben- oder anderen Angriffen leben? Sie müssen sich in einem ständigen Schockzustand befinden. Oder ich bin einfach nur eine alternde Zimperliese, das kann natürlich auch sein.

Na, nun wisst ihr alles …

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Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr seit 1993 verheiratet und in Dänemark lebend. Meine Beiträge erscheinen daher in deutscher Sprache (und nicht in dänischer) und seit 2018 auch in englischer Sprache. … I was born in Germany, have been married with a Dane since 1993 and are living in Denmark. Therefore, my posts are published in German (and not in Danish) and since 2018 in English as well.

14 Gedanken zu „Landstrassenabenteuer“

  1. Ach Liebes, es ist schade, dass ein so schöner Tag so schlecht endete! Beim nächsten Mal komm ich wieder zu dir, denn mir ist jeglicher Berufsverkehr in Aalborg Wurst. Dann packen wir uns einen Picknickkorb und fahren ins Vildmose, Elche entdecken oder zum Wandern nach Rebild. Drück dich!

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    1. Ja, da kam irgendwie eins zum anderen … aber ich wurde beschützt, ganz klar, und die anderen auch. Eine Lektion für uns Autofahrer … aber was hätten die Radfahrer anders machen können?

      Das hört sich natürlich gut an mit Picknick und Wanderung. Aber ich muss doch auch unabhängig mobil sein. Das wird mich jetzt nicht vom Autofahren abhalten.

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  2. Moin. „Zimperliese“ habe ich schon lange nicht mehr gehört / gelesen: Kategorie der vergessenen Wörter. Und – Achtung Kalauer – wir sollten nie schneller fahren, als unser Schutzengel fliegen kann. Isso.
    Zum Navi: die Stimme meines ersten Navi hieß laut Beschreibung „Olga“. Auch später, als ich Navi-Software über mein Smartphone nutzte, blieb es bei „Olga“. Nun habe ich ein Auto mit eingebautem Navi und das habe ich „Emma“ getauft. Manchmal, in vertrackten Situationen, frage ich „Olga“ und „Emma“ gleichzeitig nach dem rechten Weg. Einig sind die sich dann nie, aber „Olga“ scheint mir intelligenter zu sein und hat mich schon das ein oder andere mal aus Situationen manövriert, in die mich „Emma“ erst hineingeführt hat 😉
    Na ja, Hauptsache am ende ist alles gut …!
    Grüße aus Scharbeutz

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