Ein Leben nach dem anderen, Teil 2 … Life after life, part 2

Wir mussten dafür sorgen, dass Madhu diskret mit ihren Kräften umging, bis sie erwachsen war. Wir mussten vermeiden, Aufmerksamkeit zu erregen. Auch bereuten wir, ihr einen indischen Namen gegeben zu haben. Wir zogen in eine andere Stadt und nannten sie von da ab Shibonam nach einer nigerianischen Freundin aus den Jugendjahren meines letzten Lebens.

Wir hatten allerdings nicht mit der Beharrlichkeit ihrer leiblichen Eltern gerechnet. Wie sie auf einmal herausgefunden hatten, dass ihr Kind noch lebte, wussten wir nicht. Wenn sie entführt worden war, hatte man vielleicht die Schuldigen gefunden und diese hatten berichtet, dass das Kind verschwunden war, dass jemand es mitgenommen haben musste.

Wenn jemand zwei und zwei zusammenlegte, würde man uns bald auf den Fersen sein.

Die Eltern filmten lange Videos, in denen sie die Sekundärentführer baten, ihnen ihre Tochter zurückzugeben. Ausserdem versprachen sie eine hohe Belohnung für alle Hinweise, seien sie auch noch so gering. Das verkomplizierte unser Leben. Auf einmal schauten die Leute sich unsere Tochter genauer an. Wir wurden sogar gefragt, ob Shibonam ein indischer Name wäre. Nein, er stammte aus Nigeria, konnten wir ihnen versichern. Nun war mein Mann zambischer Abstammung und nicht nigerianischer, aber wer wusste das schon … trotzdem blieben wir nie länger als drei Jahre an einem Ort.

Madhus leibliche Eltern gaben niemals auf, anscheinend hatten sie eine nie endende Geldquelle. Aber wir flogen unter dem Radar sozusagen, weil Madhu selber einsah, dass sie für eine Afro-Amerikanerin gehalten werden musste. Sie wollte sich ihren Eltern erst zu erkennen geben, wenn sie ihre Aufgabe gelöst hatte. An ihrem 28. Geburtstag erzählte sie uns von ihrem Plan, den sie sorgsam all die Jahre vorbereitet hatte. Ihre drei besten Freunde würden ihr dabei helfen. Das erstaunte uns, denn wir waren nicht im klaren darüber gewesen, dass die vier noch Kontakt hatten. Doch erinnerte ich mich auf einmal dunkel an eine Szene im Wald, die ich beobachtet hatte, so als ob Madhu die anderen drei in etwas einweihte …

Ich schweife ab. Madhu würde nach Washington gehen, Ping nach Beijing, Murat nach Teheran und Felicity nach Rom. Alle vier würden sich gleichzeitig vor die jeweiligen Regierungsgebäude stellen und anfangen zu strahlen. ”Zu strahlen?”, fragte ich. ”Ja, zu strahlen, das weisst du doch, wie das funktioniert, hast du es vergessen? Unsere Seelen sind stark, unsere Auren sind stark. Wir brauchen nur dort zu stehen und darauf zu warten, was passiert. Es wird friedlich und wunderbar sein. Gedanken sind Energie, Gefühle sind Energie, wir sind alle unendliches Bewusstsein. Wir müssen uns nur klar darüber werden, dann ist alles möglich.” Mir war nicht wohl dabei, denn ich hatte durchaus ganz normale, gar nicht spirituelle Muttergefühle für Madhu, aber es musste sein, um die Menschheit davor zu bewahren, sich noch mehr gegenseitig zu zerfleischen. Diese Einmischung würde dem Diktator überhaupt nicht gefallen oder den Kapitalstarken, die davon profitierten, die Menschen gegeneinander aufzuwiegeln. Ich bekam Angst um Madhu … mein Mann legte mir beruhigend seine Hand auf die Schulter. ”Es ist ihre und unsere Bestimmung!” Ping, Murat und Felicity begaben sich in die gleiche Gefahr. Ich hatte den Verdacht, dass sie auch “freiwillig Wiederinkarnierte” waren.

Die vier jungen Leute waren fest entschlossen und begaben sich auf den Weg.

Während der ersten Tage hörten wir nichts von ihnen. Aber dann begannen in den Nachrichten Beiträge aufzutauchen, die von friedlichen, liebevollen Kundgebungen in Washington, Beijing, Teheran und Rom berichteten. Die Menschen versammelten sich und sprachen miteinander, umarmten sich, sangen, tanzten. Wenn Polizei oder Militär eingreifen wollte, wurden sie mit Liebe empfangen und mischten sich unter die Leute. Die jeweiligen Regierenden waren zuerst ratlos, dann rasend. Am rasendsten war der Diktator, der Madhu am liebsten hätte erschiessen lassen. Das wollte er jedoch nicht riskieren im Beisein von so vielen Menschen, daher lud er sie in das Weisse Haus ein. ”Geh nicht, Madhu“, dachte ich. Aber sie ging, natürlich ging sie.

Ich hatte in der Zwischenzeit den leiblichen Eltern von Madhu auf Umwegen die Nachricht zukommen lassen, dass sie ihre lange verloren geglaubte Tochter war. Sie waren überaus stolz und dankten dem Schöpfer des Alls für die grosse Gnade, dass sie eine derartige Mahatma (grosse Seele) zur Welt hatten bringen dürfen. Sie wollten natürlich eine Belohnung an jemanden schicken, aber ich wollte – aus guten Gründen, wie ihr euch vorstellen könnt – nicht in Erscheinung treten.

Bei der Unterredung zwischen Madhu und dem Diktator war niemand anderes zugegen. Niemand durfte filmen, niemand durfte zusehen oder zuhören. Daher weiss niemand, was eigentlich wirklich geschehen ist.

Tatsache war, dass Madhu tot war – ihr Hals war gebrochen – und der Diktator war untröstlich und weinte als ob er seine eigene Tochter verloren hätte. Am nächsten Tag appellierte der Diktator an alle Regierungsoberhäupter der Welt, sich auf den Weg zu begeben, den Madhu und ihre Freunde ihnen gezeigt hatten, Frieden, Verständnis und Liebe. Madhu, Ping, Murat und Felicity hatten die Welt vorbereitet, so dass der Rest einem Kinderspiel glich. Das versprochene tausendjährige Reich war angebrochen. Madhu hatte dafür sterben müssen … aber das hatte sie sicher von Anfang an gewusst.

Und wir? Wir durften bald die materielle Welt zum letzten Mal wieder verlassen …

 

Day14_HealthyBLOG

 

… We had to take care that Madhu used her powers discreetly until she grew up. We had to avoid drawing attention to us. We also regretted having given her an Indian name. We moved to another city in another state and called her “Shibonam” from then on after a Nigerian friend of mine from my last life’s younger years.

However, we hadn’t calculated with her physical parents’ persistence. We didn’t know, how they had found out that her daughter might still be alive. In case she had been abducted, they maybe had found the culprits, and those had told them that the child had disappeared, that somebody must have taken it away.

If people put two and two together, they would soon be after us …

The parents published long videos on television, in which they beseeched the secondary kidnappers to return their daughter. Furthermore, they promised a large reward for all information given, even the smallest one.  That made our lives more complicated. Suddenly, people looked closer at our daughter and asked us if Shibonam was an Indian name. No, we could assure them, it was Nigerian. My husband was of Zambian descent and not Nigerian, but what did they know … but just for safety sake we changed location every three years.

Madhu’s physical parents never gave up; they seemed to have a never-ending supply of money. But we were flying under the radar, so to speak, as Madhu realised that she needed to pass herself off as an African-American. She only wanted to contact her physical parents after she had solved her task. On her 28th birthday she told us about her plan, which she had carefully prepared for years. Her three best friends would help her. We were surprised, because we hadn’t noticed that the four of them still were in contact. But then I vaguely remembered a scene in the woods that I had observed one day, as if Madhu was initiating the others into something …

I am wandering from the subject. Madhu would go to Washington, Ping to Beijing, Murat to Tehran and Felicity to Rome. All four of them would stand at the same time in front of the relevant government buildings and start to radiate. “To radiate?”, I asked. “Yes, to radiate, you know that, you know how that works, did you forget?  Our souls are strong, our auras are strong. We only have to stand there and to wait what happens. It will be peaceful and wonderful. Thoughts are energy, emotions are energy, we all are infinite awareness. We just have to realize it, and then everything will be possible.” I must admit that I didn’t like that, as I did have quite normal, not at all spiritual motherly feelings for Madhu. But, it had to be, to prevent mankind from butchering each other more and more. The dictator wouldn’t like this meddling, nor would the finance oligarchs, who profited from playing groups of people against each other. I worried about Madhu … my husband put his hand on my shoulder to calm me. “It is their and our purpose!” Ping, Murat and Felicity exposed themselves to the same danger. I had the suspicion that they also were “voluntarily reincarnated”.  

The four young people were firmly decided and went on their different ways.  

During the first few days we didn’t hear anything from them. But then there were reports in the news about peaceful demonstrations in Washington, Beijing, Tehran and Rome. People came together, talked to each other, hugged, sang and danced. When police or military tried to intervene, they were greeted with love, and they blended into the crowd. The governments were first helpless, then furious. The most furious was the dictator, who would have liked to just get Madhu shot. But he didn’t want to risk it in front of so many witnesses, therefore he invited her into the White House. “Don’t go, Madhu!”, I thought. But she went, of course she went.

In the meantime, I had let Madhu’s physical parents know (by hidden channels) that she was their long-lost daughter. They were incredibly proud and thanked the creator of the universe for the great honour of having been able to bring to the world such a Mahatma (great soul). They wanted to give the informants a reward, of course, but I didn’t want to come forward, as you can imagine.  

During the conversation between the dictator and Madhu nobody else was present. Nobody was allowed to film, take photos, observe or listen. Therefore, nobody knew what really happened.

The fact was that Madhu was dead – her neck was broken – and the dictator was inconsolable and cried as if he had lost his own daughter. The next day the dictator appealed to all heads of government on earth to walk the path that Madhu and her friends had shown them, the path of peace, understanding and love. Madhu, Ping, Murat und Felicity had prepared the world, so that the rest seemed like child’s play. The promised thousand years’ kingdom of God had dawned. Madhu had to die for it … but I am sure she knew that from the start.

And what about us? We were allowed, to soon leave the physical world for the last time …

 

Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr seit 1993 verheiratet und in Dänemark lebend. Meine Beiträge erscheinen daher in deutscher Sprache (und nicht in dänischer) und seit 2018 auch in englischer Sprache. … I was born in Germany, have been married with a Dane since 1993 and are living in Denmark. Therefore, my posts are published in German (and not in Danish) and since 2018 in English as well.

8 Gedanken zu „Ein Leben nach dem anderen, Teil 2 … Life after life, part 2“

  1. Traurig, dass das Mädchen sterben musste oder gar wollte, um eine Veränderung anzustoßen. Ist dieser Diktator wirklich ein neuer Friedensfürst? Hier geht es doch noch weiter, liebe Birgit, oder? Was wird aus den Eltern? Habt ein schönes Wochenende. Viele liebe Grüße zu euch

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    1. Naja, sie hat sich für Welt und Menschheit geopfert … der Diktator allein kann den Frieden nicht halten, die anderen müssen mitspielen, was sie in meiner Geschichte tun. Das ist das Gute mit Kurzgeschichten, dass man nicht so ins Detail gehen muss … 😉 … das passt zu meinem Temperament … 😉 😀

      Sonnige, wenn auch kalte Grüsse aus Dänemark zu euch

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  2. Eine tolle Geschichte. Ich hatte schon auf den zweiten Teil gewartet. Hast Du noch mehr Kurzgeschichten geschrieben? Hast Du für die Namen recherchiert? Ich frage, weil die Tochter einer Freundin den Indischen Namen Madhuri hat. 🙂
    LG Susanne

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    1. Auf meiner Seite ist eine Kategorie, die „Kurzgeschichten“ heisst, da findest du sie alle. Die letzte hiess „Eis“ und war in drei Teilen (apokalyptisch, neue Eiszeit, nicht jedermanns Sache). Ich habe aber auch lustige Sachen geschrieben, die könnte ich auch mal hier veröffentlichen.

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