Eis – Kurzgeschichte (in drei Teilen) … Ice – short story (in three parts)

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Eis (Teil 3 von 3)

Glaubt es oder nicht, eines Tages standen Soldaten vor der Tür. Sie wollten uns zwangsentfernen. Auf unsere Frage ”warum” schauten sie verdutzt. ”Wollen Sie denn nicht überleben?” fragten sie uns. ”Nicht um jeden Preis, nicht um jeden Preis!” Da waren sie noch mehr erstaunt. Wir erfuhren, dass sie die Nachhut waren. Nach ihnen kam kein Mensch mehr, nur noch das Eis. Es hatte an Geschwindigkeit zugenommen und fast schon Skagen erreicht. (Wir waren nicht wirklich verwundert, denn wir hatten den Temperaturabfall schon seit einiger Zeit bemerkt.) Das Meer gefror zum grossen Teil, und was nicht gefror, wurde vom Gletscher vor sich hergeschoben und verursachte Überschwemmungen. Bald würden wir hier nicht mehr leben können. Entweder würden wir ertrinken oder vom Eis zermalmt werden. Wir wollten aber trotzdem bleiben; das war unsere Entscheidung, denn diese Welt würde es nicht mehr wert sein, in ihr zu leben. Einer der jüngeren Soldaten sah uns neiderfüllt an. Ich kann es nicht anders nennen, neiderfüllt. Wir waren in der Lage, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen …

Glücklicherweise zuckte der ”Chef” der Soldaten (ich kenne mich mit militärischen Rängen nicht aus) schliesslich mit den Schultern ”es ist ihr Leben” und zog mit seinen Männern ab.

Eine Woche später geschah etwas völlig Unerwartetes: ein Mann kam die Strasse herauf, in die falsche Richtung, nach Norden! Wir gingen ihm entgegen und stellten fest, dass es sich um unseren Pastor handelte. Er war zurückgekommen! Wir luden ihn zu uns ein und bewirteten ihn. Er sah ziemlich mitgenommen aus. ”Ihr macht euch keine Vorstellung”, berichtete er, ” das Morden, die Grausamkeiten, die Unmenschlichkeit unter den Flüchtlingen … es ist unbegreiflich. Man sollte doch meinen, dass sie alle im selben Boot sässen, aber Solidarität wird nicht geübt, jeder ist sich selbst der nächste. Und bereits an der Grenze zu Deutschland werden die Flüchtlinge zurückgehalten. Man lässt sie nicht ins Land. Anscheinend hat man in kürzester Zeit einen starken, hohen Metallzaun errichtet, und zwar quer rüber von der Nordsee bis zur Flensburger Förde. Wer versucht, nach Deutschland zu schwimmen, wird von der Küstenwache erschossen.“ Er begann zu schluchzen. Wir waren froh, dass wir das nicht mitangesehen hatten und fühlten uns in unserem Beschluss bestärkt. Das half natürlich den armen Menschen an der deutschen Grenze nicht, aber wir konnten nichts für sie tun. Auch für sie war die Stunde der Entscheidung gekommen, besinne ich mich auf mein spirituelles Erbe oder mein tierisches. Die Menschen, die den Zaun errichtet hatten, hatten ihre Entscheidung bereits getroffen. Wie mochte es noch werden, wenn die Deutschen auch nach Süden ziehen mussten. Schliesslich wusste keiner, wie weit das Eis kommen würde.

Doch zurück zu unserer Situation. Unsere kleine Gruppe, bestehend aus drei Menschen, einem Hund und drei Katzen bereitete sich auf das Ende vor. Am Morgen nach der Ankunft des Pastors, plätscherte nämlich Wasser am Fusse des Abhangs und in der Ferne konnte man die sich nähernde Eiswand erkennen. Ich muss gestehen, dass ich etwas aus der Bahn geworfen war. Ich hatte gelesen, dass Erfrieren ein relativ angenehmer Tod ist. Man schläft ein und wacht nicht mehr auf, fertig. Aber Ertrinken? Daran hatte ich nicht gedacht, nicht damit gerechnet. Sollten wir alle Schlafmittel nehmen oder einfach das, was kam akzeptieren? Der Pastor war natürlich gegen die Schlaftabletten. Aber ich hatte eigentlich auch nicht daran gedacht, eine tödliche Dosis zu nehmen, nur so viel, dass wir einschliefen und nicht mitbekamen, was passierte.  Aber wahrscheinlich wachte man dann im allerletzten Moment doch auf.

Wir schliefen alle im ersten Stock in dieser Nacht, auch der Hund. Die Katzen machten, was sie wollten. Gegen Mitternacht wachte ich auf und sah aus dem Fenster. Wasser umspülte das untere Stockwerk. Ich weckte die beiden Männer. Sie schauten hinaus und sahen sich dann betroffen an. Es war zu spät für Tabletten. Wie wäre es mit den Gewehren, dachte ich, aber wer würde den letzten erschiessen? Plötzlich schlang mein Mann ein dickes Seil um mich und band uns zusammen. Das musste er heimlich geplant haben, denn das Seil hatte ich noch gar nicht bemerkt. Der Hund wimmerte. Wir brachten ihn dazu, uns in die Arme zu springen, so dass wir ihn zwischen uns nehmen konnten. Das beruhigte ihn nicht sehr, aber wenigstens starb er nicht alleine. Der Pastor begann zu beten. Das sollten wir auch tun. Schöpfer aller Dinge, wir befehlen unsere Seelen in deine Hände … Das Haus wackelte, etwas knirschte und dann brach alles zusammen. Die Kälte des hereinbrechenden Eiswassers verschlug mir den Atem und mir wurde schwarz vor Augen …

(Ende)

 

Ice (part 3 of 3)

 

Believe it or not, one day a group of soldiers came to the house. They wanted to remove us with force. When we asked “why”, they were surprised. “Don’t you want to survive?” they asked us. “Not at all costs, not at all costs!” That surprised them even more. They informed us that they were the rearguard. After them came only the ice. The glacier had accelerated and nearly reached Skagen. (That didn’t really come as a surprise; we had noticed the drop in temperature for some time.) Most of the seawater froze, and what didn’t freeze was pushed forward by the ice and caused floods.  Soon we wouldn’t be able to live here anymore, we would either drown or be crushed by the ice. But we wanted to stay anyway; that was our decision, as this world wouldn’t be worthwhile to live in anymore. One of the young soldiers looked at us full of envy. I cannot call it anything else, full of envy. We were in a position to make our own decisions …       

Fortunately the “boss” of the soldiers (I don’t know anything about military ranks) finally shrugged his shoulders. “It is your life”, and away he went with his men.

One week later something completely unexpected happened: A man came up the road, in the wrong direction, north! We went out to meet him and saw that it was our parson. He had come back! We invited him home and gave him something to eat and to drink. He looked very battered. “You cannot imagine”, he reported, “the murders, the cruelties, the inhumanity among the refugees … it is unbelievable. You would think that we all were in the same boat, but there is no solidarity, everyone for himself. And already at the border to Germany they are stopping the refugees. They don’t let them enter the country. They have built a strong, high metal fence in no time, and that all the way from the North Atlantic to the sound of Flensburg. Those who try to swim over to Germany are shot by the coastguard.” He started to sob. We were glad that we didn’t have to see that and felt justified in our decision to stay. That didn’t help the poor people at the German border, of course, but we weren’t able to do anything for them. Also for them the moment of decision had come, do I focus on my spiritual heritage or my animal heritage. The people who had built the fence had already made their decision. How bad would it get, when also the Germans had to go south. Nobody knew, how far the ice would come.

But back to our situation. Our small group consisting of three humans, one dog and three cats prepared for the end. On the morning after the parson’s arrival water lapped on the foot of the hill, and further away one could see the approaching ice wall. I must admit that I felt somewhat derailed. I had read that freezing to death was relatively comfortable. One fell asleep and didn’t wake up again, that was it.  But to drown? I hadn’t thought of it, hadn’t calculated with it. Should we all take sleeping pills or just accept what was coming? The parson was, of course, against the pills. But I didn’t actually think of a deadly dose, just so much that we fell asleep and didn’t notice what happened. But most probably one would wake up at the very last moment.

That night we all slept on the first floor, also the dog. The cats did what they wanted. Around midnight I woke up and looked out of the window. Water was flooding the ground floor. I woke up the men. They looked outside and then at each other, shocked. It was too late for pills now. How about the guns, I thought, but who would shoot the last one? Suddenly my husband wound a strong rope around my waist and bound us together. He must have planned that secretly, because I hadn’t seen the rope before. The dog was whimpering. We made him jump up into our arms between us. That didn’t really calm him down, but at least he wouldn’t die all by himself. The parson started to pray. We should also do that. Creator of all things, we entrust our souls into your hands … The house shook, something creaked and then everything broke down. The cold of the incoming ice water took my breath away and everything went black …   

(The end)