Eis – (Kurzgeschichte in drei Teilen) … Ice – (short story in three parts)

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Eis (Teil 2 von 3)

Täglich zogen Heerscharen von Leuten vorbei. Einige versuchten, in die Häuser einzubrechen, um etwaige Wertgegenstände mitgehen zu lassen. Wir hatten uns tatsächlich Gewehre angeschafft und ausreichend Munition, so hofften wir, um die Leute abzuschrecken. Die  “normalen” Leute liessen sich leicht abschrecken. Ich hatte mehr Bedenken bei den professionellen Banden, die unweigerlich folgen würden, sobald alle Obrigkeit die Gegend verlassen hatte. Das hatte man schliesslich im Kino gesehen …

Erstaunlich waren all die Tiere, die durch das Dorf zogen. Ausser den gewohnten Hirschen und Wildschweinen, zogen auch Elche und Renntiere vorbei, Wölfe und sogar Bären sahen wir, und natürlich viel Kleingetier. Sie hatten es sehr eilig und waren zielgerichtet, Jäger und Beute flüchteten gemeinsam. Die Vögel waren schon lange verschwunden.

Als unser Dorf leer war, kamen nicht mehr viele Menschen vorbei, denn die Hauptstrassen lagen et­­­was weiter ausserhalb. Aber in der ersten Zeit mussten wir schon Wache halten, um nicht von Einbrechern überrascht zu werden. Ab und zu kam auch mal eine einzelne Nachzüglerfamilie mit Kindern durch den Ort, denen wir für eine Nacht Unterkunft gewährten. Aber auch hier mussten wir Wache halten, um nicht im Schlaf ermordet zu werden. Menschen in Not sind wie Tiere. Alles Menschliche verschwand in den Hintergrund, besonders, wenn man Kinder hatte, die es galt am Leben zu erhalten. Sie durften gerne unseren Kram haben, denn wir würden davon nichts mehr brauchen, nicht wahr? Aber unsere Lebensmittel und unser Wasser wollten wir behalten. Sie konnten auch in den anderen Häusern suchen gehen. Solange ich meine Todesart wählen konnte, wollte ich jedenfalls nicht verhungern. 

Natürlich hatten unsere Nachbarn versucht, uns zum Mitkommen zu bewegen. Sie sahen aber schnell ein, dass es nutzlos war. Der Nachbar von gegenüber fragte, ob er uns seinen alten Hund dalassen dürfte, denn der würde einen langen Marsch nicht überleben und er wollte ihm die Strapazen ersparen. Natürlich sagten wir ja. Nun waren wir zu dritt. Später kamen noch ein paar Katzen hinzu.

Bereits gehacktes Feuerholz konnten wir von den Häusern im Dorf einsammeln, denn alle hatten fleissig für Vorrat gesorgt, den sie natürlich nicht mitgeschleppt hatten. Obwohl wir es erstaunlich fanden, was alles mitgenommen wurde … nun, vielleicht hatte man dabei an Tauschhandel gedacht.

Es war nun an der Zeit, sich um einen Generator zu kümmern. Wir fuhren dazu in unseren lokalen Baumarkt. Unser Auto hatten wir noch. Es war normalerweise in der Scheune versteckt. Stellt euch vor, der Baumarkt war abgeschlossen … Das fand ich sehr erheiternd. Es war sehr schwer, die dicken Fensterscheiben zu zerbrechen. Zum Schluss fuhr mein Mann mit einem herumstehenden Bagger hinein, das half. Wer auch immer du bist, danke dafür, dass du die Schlüssel hinterlassen hast! Wir fanden alles was wir brauchten, um Strom herzustellen, ausser Kraftstoff. Den mussten wir uns aus der Tankstelle am Ortsausgang besorgen. Wir nahmen uns Kannister aus dem Laden dort, der übrigens auch abgeschlossen war. Glaubten die Leute wirklich, dass sie bald zurückkämen? Dort brauchten wir nicht einzubrechen, denn das hatten andere für uns erledigt. Alles, was man essen oder trinken konnte, war verschwunden, genau wie im Supermarkt.

Einige Tiere hatten die Leute mitgenommen. Sie hatten tatsächlich Kühe vor sich her getrieben und Schweine. Letztere würden sie nicht lange festhalten können. Wenn sie Freiheit vernahmen, würden sie weglaufen. Hunde und Katzen waren mitgefolgt, bis auf einige wenige. Aber die Hühner von einem Nachbarn waren noch da. Solange die lebten und nicht von durchziehenden Banden getötet wurden, konnte man vielleicht ab und zu ein Ei bekommen. Vielleicht sollte man sie in unsere Scheune umsiedeln … Futter hatte der Nachbar noch reichlich in seinem Schuppen liegen. Bald würde es sehr kalt werden; das würden sie auf sich allein gestellt nicht überleben. Wir liessen es dann doch bleiben; wir konnten weder die Welt noch die Hühner auf Dauer retten.

(Forsetzung folgt)

 

Ice (part 2 of 3)

Every day legions of people and animals trekked by. Some tried to break into the houses to steal eventual valuables. We had gotten hold of guns and, so we hoped, sufficient ammunition to scare people away. The “normal” people were easily scared. I was more concerned about the professional gangs that would undoubtedly follow as soon as all authorities had left. We have all seen that in movies, haven’t we?

We were surprised about all the animals that came through the village. Beside the local deer and wild boars, we also saw moose, reindeer, even wolves and bears, and the usual small animals. They were very much in a hurry and very purposeful. Hunters and prey fled together. The birds had disappeared a long time ago.

When our village was finally empty, there were not so many people passing through anymore, as the main roads were a bit further away.  But during the first weeks we had to keep watch because of burglars. Once in a while, a family with children came through, whom we offered shelter for the night. But even then we had to keep watch, so that we weren’t murdered in our sleep. Desperate people are like animals. All human qualities are pushed into the background, especially when they have children, who they want to keep alive. They were welcome to our stuff, we wouldn’t need it anymore, would we? But we wanted to keep our food and water. They could forage in the other houses, couldn’t they? As long as I could choose my death, I didn’t want it to be starving.

Our neighbours had, of course, tried to persuade us to follow with them. But they soon saw that it was futile. The neighbour from across the road asked us, if we would take his old dog. He wouldn’t survive the long march and he wanted to spare him the strain. Of course we said yes. Now we were a group of three. Later some cats joined us.  

We collected firewood from the other houses; people had been industrious splitting wood for the winter, which naturally they hadn’t carried along. Although we found it astonishing what people had taken along … but maybe they had thought of barter trading.

Now it was high time to get a generator. We drove to our local hardware store. We still had our car. Usually it was hidden in the barn. Imagine, the store was locked … I found that quite amusing. It proved difficult to break the thick window panes. In the end my husband just drove into them with a digger that was standing on the parking lot; that helped. Whoever you are, thanks for leaving the keys! We found everything we needed to generate electricity, except petrol. We would have to procure it from the petrol station at the village exit. We took cannisters from the shop there, which actually was locked as well. Did people really believe that they would soon return? We didn’t have to break in there, others before had done it. Everything that could be eaten or drunk had disappeared, just like in the supermarket.

Some people had taken their animals along. They had actually driven their cows and pigs. The latter they would not be able to keep very long. If they smelled freedom, they would run away. Dogs and cats followed their owners with very few exceptions. But the chickens of one of our neighbours had been left behind. As long as they lived and were not killed by passing bands, we might be able to get an egg now and then. Maybe we should move them to our barn … the neighbour had a lot of food for them in his shed. Soon it would get very cold; they wouldn’t survive all by themselves. In the end we didn’t do it anyway; we couldn’t save neither the world nor the chickens for good.

(To be continued)

Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr seit 1993 verheiratet und in Dänemark lebend. Meine Beiträge erscheinen daher in deutscher Sprache (und nicht in dänischer) und seit 2018 auch in englischer Sprache. … I was born in Germany, have been married with a Dane since 1993 and are living in Denmark. Therefore, my posts are published in German (and not in Danish) and since 2018 in English as well.

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