Altenfürsorge (Kurzgeschichte)

Irgendetwas stimmt nicht, da ist ein Laut, der sich dauernd wiederholt und einfach nicht aufhören will, die Türklingel … wie bitte? Ein Blick auf die Uhr … es ist 08.00 Uhr morgens, wer kommt denn so früh? Die Post?

Ich stehe mühsam auf, denn mit 75 Jahren geht das nicht mehr so schnell, ziehe meinen Morgenmantel über und gehe die Treppe hinunter. Da klingelt jemand Sturm, was denn ….

Ich öffne die Tür, mittlerweile bin ich stinksauer, wer zum Teufel …

”Guten Morgen”, flötet es mir aus einem strahlend lächelnden Gesicht entgegen, ”darf ich rein kommen?”

Die rundliche Frauenperson, die vor der Tür steht will schon Anstalten machen einfach ins Haus zu gehen, aber ich mache die Tür nicht frei.

”Nein”, antworte ich, ”eigentlich nicht. Sie haben mich wachgeklingelt, ich lag noch im Bett. Wer sind Sie eigentlich?”

”Wie bitte, um 08.00 Uhr morgens schlafen Sie noch?” Fragt sie mich ungläubig und ich frage mich, was sie das angeht. Doch dann stellt sie sich endlich vor: ”Mein Name ist Gitte. Ich komme von der Altenfürsorge. Wir wollen gerne sicherstellen, dass es Ihnen gut geht.”

”Mir geht es blendend”, erwidere ich, ”vielen Dank und guten Tag!”

Ich will die Tür zumachen, aber Frohgesicht hält sie fest. ”Darf ich nicht ganz kurz reinkommen? Ich möchte Sie gerne kennenlernen.” Sie versucht hinter mich ins Haus zu gucken. ”Es sieht ja sauber und ordentlich bei Ihnen aus!”

Jetzt werde ich richtig stinkig: ”Warum sollte es wohl nicht sauber und ordentlich bei mir sein? Wollen Sie mich beleidigen?”

”Verzeihen Sie”, macht Frohgesicht einen Rückzieher, ”es ist nur unsere Erfahrung, dass ältere Leute, deren langjähriger Partner gestorben ist, sich vernachlässigen, sozusagen den Lebenswillen verlieren. Nur aus dem Grunde bin ich hier.”

Aha, eine wohlmeinende Person, das sind die Schlimmsten. Die können alles entschuldigen mit ”ich habe es doch nur gut gemeint”, denke ich im Stillen.

”Wissen Sie was, wenn Sie mich treffen wollen, rufen Sie mich an und wir machen einen Tag und eine Zeit aus. Anrufe und Besuche bitte nicht vor 10.00 Uhr morgens. (Und ich will einen Zeugen dabei haben, denke ich bei mir.) Ich habe meinen Biorythmus jahrzehntelang vergewaltigt, weil ich arbeiten gehen musste. Jetzt schlafe ich wann und so lange ich will. Das werden Sie sicher verstehen.”

”Aber natürlich”, flötet sie, ”aber wo ich schon einmal hier bin, darf ich nicht ganz kurz reinkommen?”

”Haben Sie eine Visitenkarte?” frage ich sie stattdessen, wobei sich meine Stinkigkeit zu kalter Wut entwickelt hat. Sieht sie nicht, dass ich im Morgenmantel bin, ungekämmt und ungewaschen? Ich habe doch gesagt, dass ich gerade erst aufgestanden bin. Freudig steckt sie mir eine Karte entgegen.

”Danke sehr”, sage ich zu ihr mit einem süffisanten Lächeln, ”rufen Sie mich nach 10.00 Uhr an”, mache ihr die Tür vor der Nase zu und schliesse ab. Vorsichtshalber stelle ich die Klingel aus. Frohgesicht steht noch eine Weile vor der Tür, verdutzt nehme ich an und geht dann langsam zu ihrem Auto zurück, sich noch mehrmals umdrehend, wie ich vom Badezimmer aus beobachten konnte.

Und ich habe ihre Karte. Jetzt weiss ich, wo und über wen ich mich beschweren kann, denn das muss ich schnellstens tun, noch bevor sie in der Lage ist, einen Bericht zu schreiben, in dem sie mich als verrückte alte Frau schildert. Frohgesicht ist nicht die Erste, die mich aufgesucht hat. Ich finde es ja gut, wenn sie sich um Leute kümmern, die es nötig haben, aber können sie uns andere nicht in Ruhe lassen?