Grübeln oder Vergangenheit bewältigen?

Wo verläuft die Grenze?

Ich hatte eine richtig deprimierende Grübelgeschichte, die dann aber von einem hellen Gedanken abgebogen wurde, und zwar durch die Erinnerung an meinen Wellensittich … nicht lachen! Ich habe das Viech geliebt!

Ich bekam sie von meinem Grundschullehrer, meinem Klassenlehrer in Klasse 2 bis 4. Ich war wohl so 11 Jahre alt. Sie war kobaltblau und wunderschön und bekam den Namen ”Susi”. Susi war gewohnt im Schwarm zu leben, und jetzt war sie auf einmal alleine in einem Käfig und war ängstlich. Sie gewöhnte sich allerdings rasch an das Leben mit uns, und so viel ich konnte, liess ich den Käfig offenstehen, jedenfalls immer wenn ich zuhause war, dann konnte sie frei im Zimmer umherfliegen. Ich musste allerdings aufpassen, wenn ich das Zimmer verliess, denn sie flog mir hinterher.

Kurz bevor ich von der Schule nach Hause kam, öffnete meine Mutter den Käfig, und wenn ich die Wohnung betrat, kam sie mir entgegengeflogen.

Manchmal lasen wir gemeinsam, das heisst ich las und sie sass auf meinem Handgelenk mit einem Bein hochgezogen und machte ein Nickerchen. Einmal liess ich sie einen Moment allein im Zimmer, und als ich zurückkam, hatte sie eine ganze Seite vom Buch ”gelesen”. Bei den Hausaufgaben störte es manchmal, weil sie dann versuchte auf meinen Stiften zu sitzen oder dem Stift hinterherlief, wenn ich schrieb.

Aber das Schönste war, wenn sie baden sollte und wollte. Sie badete eigentlich gerne, aber mochte es nicht, wenn ihre Füsse nass wurden. Das ist ziemlich schwierig! Sie hatte ein kleines Badehäuschen, das man am Ausgang vom Käfig befestigen konnte. Da sass sie dann erst einmal und überlegte … dann wurde ein Zeh in das Wasser getaucht, um die Temperatur zu messen (ein göttlicher Anblick) … und dann warf sie ihren Körper nach vorne, flügelschlagend, um nicht mit dem Kopf unterzutauchen, denn die Füsse waren immer noch fest um den Rand gekrallt. 😀

Später lernte sie dann in aller Art Schüsseln zu baden. Da musste man dann aufpassen mit Kaffeetassen und ähnlichem. Einmal landete sie in einer Schale mit irgendeinem Sirup, so eine Schweinerei!  😀

Sie starb an einer Geschwulst als ich gerade 14 Jahre alt geworden war. Das war für mich ein absolutes Scheissjahr. Ich verlor meinen Wellensittich, meinen Glauben an die Menschheit, allerdings nicht meine Unschuld und konnte mit der Welt meiner Eltern so gar nichts mehr anfangen. Von heute auf morgen sah ich alles mit ganz anderen Augen. Natürlich gab ich meinen Eltern die Schuld daran, die hatten mich angelogen, die Welt war ganz anders, als sie uns immer haben glauben lassen wollen. Meine armen Eltern! Sie wussten nicht was da vor sich ging, denn SIE hatten sich schliesslich nicht verändert … ich war es, die eine Metamorphose durchmachte in Richtung Erwachsenwerden. Ich muss ein ganz schöner Armleuchter gewesen sein damals. Meine Mutter fand mich ”hart”, wie sie einmal sagte. Aber für einen jungen Menschen ist die Situation ja auch nicht einfach. Auf einmal ist alles anders als vorher … und niemand bereitet einen darauf vor … oder erklärt einem warum.

Na, das sollte doch ein freudiger Beitrag werden … aber die Erinnerung an meine Susi ist sehr freudig, wir haben viel Spass miteinander gehabt. Übrigens, sie lernte nie zu sprechen, aber sie konnte andere Vögel nachahmen, besonders die Spatzen, die es damals in der Grossstadt noch haufenweise gab.

budgie-1444896__340 (Foto von Pixabay Meli1670)

”Hör da tschilpt ein Wellensittich!”

Ein ”Hurra” für Haustiere, welcher Art auch immer!