Tagebuch 1975

Als ich neulich meine Papiere durchging, (mein Mann und ich hatten uns mit den leidigen Themen ”Sterben”, ”Beisetzung” und ”Testament” beschäftigt) fielen mir ein paar Seiten entgegen, die zu meinen ganzen Schottlandtagebüchern gehörten. Diese waren aus dem kleinen Heft herausgerissen.

Die ersten beiden Einträge sind doch tatsächlich in Kurzschrift verfasst! Wie ärgerlich, denn ich kann das nicht mehr lesen und mein Lehrbuch habe ich bereits entsorgt.

Aber ein Eintrag war ganz normal geschrieben (also von der Schrift her 😉 ) und stammt aus dem Jahr 1975. Ich war damals also 20 Jahre alt.

Ich habe mich selber sehr amüsiert, als ich den gelesen habe und möchte ihn ”jugendliche Arroganz” nennen, dies jedoch nur auf mich selber bezogen. Ähnlichkeiten mit heute lebenden und in den Jahren dazwischen lebenden Zwanzigjährigen sind rein zufällig. Bemerkungen der jetzigen, 62jährigen Autorin stehen in eckigen Klammern:

Völkerwanderung um die Alster. Welch Schauspiel! Welch eine Vielfalt der Typen und Hunderassen! Ekelhaft aktive Sportler [ 😉  😀  ] per Fahrrad und per pedes. Verwittert aussehende Mädchen auf Männerjagd. Eine lächelt mich vielsagend an. Verwandte Seelen? Vielleicht denkt sie es.

Schöne Männer und Frauen und solche, die sich dafür halten, promenieren und geben vor, sich gegenseitig nicht zu sehen.

Pudel aller Farben und Grössen traben an mir vorüber. Eine alte Dame schleift ihren Dackel spazieren und vor mir wackelt ein Basset mit seinem fetten, kurzbebeinten Hintern. Ein fast schwarzer Collie, missbraucht als Statussymbol, fängt mein Auge. Ist er wirklich verwandt mit dem Hundeverschnitt, der mich an ein Schwein im Kalbfell erinnert und der doch ein absoluter Rassehund ist? [Du doofe Kuh, ich mag Bassets, das sind gute Hunde!!!]

Persianer sind en gros zu sehen, schwarz und braun, mit feinen Damen ausgefüllt, von ebenso feinen Herren, ”ach, ja?” sagend, begleitet.

Die Kinder sind die wahren Menschen hier. Zwei kleine Mädchen schreien hinter ihrer Mutter und deren Freundin her, die offensichtlich tief ins Gespräch versunken sind: ”Mama, nicht so schnell! Lauft nicht so schnell!” Die Mutter dreht sich nicht einmal um und hat anscheinend nichts gehört, und es ist sehr schwer, dieses Gröhlen zu überhören. Kann es sein, dass man sein Kind vergisst?

Es gehen auch einige einzelne junge Herren vorüber, die sich, glaube ich, für unwiderstehlich halten. Gerade, fast steif der Råucken, ausgreifende Gangart und der Blick entweder siegesgewiss oder nachsichtig herablassend. Alles nur Mache? Vielleicht, man weiss nie!

Auf jeden Fall ist auch der Weg um die Alster in Sektoren für ”unterschiedliche soziale Schichten” eingeteilt. Und deshalb gehe ich nicht bis Pöseldorf. [Es gibt tatsächlich einen Stadtteil in Hamburg, der so heisst. Dort wohnen hauptsächlich besser betuchte Leute. Wikipedia sagt, das ”Pöseln” so viel wie im Garten herumpusseln bedeutet.] Ist das richtig? Erkenne ich nicht dadurch die Verschiedenheit an? – Oh, ja, ich gebe sie zu, aber die Verschiedenheit besteht hauptsächlich aus unterschiedlichem Geldbesitz.
Bin ich neidisch?
Ach, nein, ich glaube nicht. Ich verfalle nur in den Fehler, Leuten mit Geld mit Vorurteilen zu begegnen. Aber beneiden tue ich sie nicht, da bin ich sicher, denn ich möchte nicht sein wie sie und nicht so leben, geschweige denn, so viel Kram besitzen.

Ich spüre manchmal wirklich, dass ”Besitz belastet”

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Und nach diesen neunmalklugen, einsichtigen Worten wünsche ich euch allen noch einen schönen Tag!

… übrigens, nach den letzten beiden Umzügen WEISS ich, dass Besitz belastet … 😉  😀

 

Veröffentlicht von

Stella, oh, Stella

Ich bin gebürtige Deutsche, mit einem Dänen nunmehr seit 1993 verheiratet und in Dänemark lebend. Meine Beiträge erscheinen daher in deutscher Sprache (und nicht in dänischer) und seit 2018 auch in englischer Sprache. … I was born in Germany, have been married with a Dane since 1993 and are living in Denmark. Therefore, my posts are published in German (and not in Danish) and since 2018 in English as well.

5 Gedanken zu „Tagebuch 1975“

  1. Danke für die Blumen!
    Das mit dem Basset fand ich gemein! Die können ja nichts dafür, dass Menschen sie so züchten! Daher auch „jugendliche Arroganz“ … 😉
    Ich glaube ich war ein ziemlicher Besserwisser und Klugscheisser als ich jung war … 😀

    Gefällt mir

    1. Ja, tatsächlich Pöseldorf … ;-D

      Danke für das Kompliment! Ich habe schon während der Schulzeit öfter mal witzige Geschichten geschrieben oder Quatschtext zu ernsten Gedichten. Leider sind viele Sachen durch einen Wasserschaden im Keller verloren gegangen.

      Gefällt 1 Person

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